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INTERVIEW MARIO SCHEUERMANN

"Für 3 Euro gibt's Top-Weine!"

Wein boomt. Es ist "in", über Rebsorten, Jahrgänge oder Anbaugebiete zu parlieren. Die MOPO-Weintrinker Thomas Hirschbiegel und Maik Koltermann sprachen mit dem Hamburger Weinexperten Mario Scheuermann.



MOPO: Man liest immer wieder von Blindproben, bei denen Profis einen mäßigen Wein für ein Spitzen-Gewächs halten. Wie seriös sind solche Tests?



Mario Scheuermann: Wenn ein Tester nicht die ganz große Erfahrung hat, kann der einen Supermarkt-Wein mit einem klassifizierten Bordeaux verwechseln. Den meisten Leuten, die sich heute mit Wein beschäftigen, fehlt die Erfahrung, aber auch die physische Grundvoraussetzung. Etwas erschmecken oder erriechen zu können ist eine besondere Begabung, die man nur in einem gewissen Maße und in einem gewissen Alter schulen kann. Die Geruchsfähigkeit nimmt ab dem 25. Lebensjahr rapide ab.



MOPO: Was heißt schulbar? Empfehlen Sie etwa, schon ganz früh mit dem Weintrinken anzufangen?



Scheuermann: Die Grundausbildung eines Menschen, der sich mit Wein beschäftigt, sollte im Teenager-Alter stattfinden. Ich bin in der Pfalz mit Wein aufgewachsen, hab schon als Zwölfjähriger an einem Glas Wein genippt. Kurz danach hat mich mein Großvater nach Deidesheim auf eine Weinprobe des Jahrgangs 1959 mitgenommen. Das war hochspannend für mich. Mit 15 konnte ich schon feststellen, dass in meiner Heimat ein Riesling aus Deidesheim anders schmeckt als einer aus Ruppertsberg. Erstmals über Wein geschrieben hab ich aber erst mit Anfang 30. Heutzutage macht einer drei Kurse, geht fünf Mal auf eine Probe und meint, er sei Weinkenner.



MOPO: Wie hoch schätzen Sie den Anteil ahnungsloser Wein-Wichtigtuer?



Scheuermann: 90 Prozent der Menschen, die glauben, sie würden etwas von Wein verstehen, unterliegen einem Irrtum.



MOPO: Und wie wird man nun ein Weinkenner?



Scheuermann: Trinken. Trinken. Trinken. Das ist die einzige Möglichkeit, Wein zu verstehen.



MOPO: Stichwort Supermarkt-Weine. Was kann man von einem Wein für zwei oder drei Euro erwarten?



Scheuermann: Man bekommt oft einen ganz ordentlichen Wein. Das sind unkomplizierte Weine, die oft wenige unverwechselbare Eigenschaften wie Spritzigkeit oder Fruchtigkeit haben. Diese Weine sind leicht zu verstehen, das mögen die Leute, und das ist nicht verkehrt.



MOPO: Es gibt Weinfachleute, die sagen, unter fünf Euro die Flasche könne man keinen anständigen Wein anbieten.



Scheuermann: Das ist vollkommener Quatsch. Die Produk-tions- und Vertriebskosten für eine normale Flasche ordentlichen Weins liegen in Europa, beispielsweise im großen spanischen Anbaugebiet La Mancha, bei etwa einem Euro. Wenn also Aldi für 1,99 einen Weißwein aus La Mancha anbietet, ist das meist ein tadelloser Begleiter zu einem leckeren Meeresfrüchteteller. Bei einem Preis darunter wär ich allerdings vorsichtig.



MOPO: Aldi-Wein hat ja fast Kultstatus. Zu Recht?



Scheuermann: Aldi ist der größte deutsche Weinhändler. 25 Prozent aller deutschen Weine werden über Aldi verkauft. Da sind teilweise echte Schnäppchen dabei. Aldi hat ja echte Qualitätserzeuger und sogar eigens für sich entwickelte Weine im Programm. Der Grüne Veltliner beispielsweise ist ein Superprodukt, kostet nur um die zwei Euro. Ein perfekter Wein für die Sommerparty. Ich hab davon auch schon ein paar Flaschen getrunken.



MOPO: Wie finde ich mich im Weinregal eines Supermarkts zurecht?



Scheuermann: Ganz einfach: Ganz unten ist die "Bückware", also oft Weine für Alkoholiker für deutlich unter zwei Euro. Dann kommt die "Griffware" in Brusthöhe zu Preisen von 2 bis 4 Euro - das sind oft anständige Partyweine. In Augenhöhe ist die "Blickware" zu Preisen von vier bis 15 Euro. Hier können Preis-Leistungs-Schnäppchen stehen. Ganz oben ist die "Streckware" - oft Prestigeprodukte mit großen Namen, die auch mal 50 Euro kosten.



MOPO: Was fällt Ihnen zu Bier ein?



Scheuermann: Nach einer großen Weinprobe ist das Beste das Pils danach.



REWE



Fradiabolo, Montepulciano d'Abruzzo, 2007, 2,59 Euro "In der Nase sehr schöne reife Kirscharomen. Der Wein hat eine sehr gute Substanz, schöne Gerbstoffe, eine harmonische Säure. Der Wein hat eine angenehm "fleischige" Substanz. Schöner Essensbegleiter zu herzhafter Pasta oder Wildschweinpastete. Mein Favorit, könnte man im Fachhandel auch für 15 Euro anbieten."



Lidl



Bordeaux 2007, 2,49 Euro "Schönes Rubinrot, verhaltene Nase, man riecht rote Früchte. Der Wein ist am Gaumen fruchtig, saftig; man schmeckt etwas Gerbstoffe heraus, im Abgang eine leichte Bitternote. Insgesamt ein ambitioniert gemachter Wein. Ein Preis von vier bis sechs Euro wäre für diesen Roten angemessen."



Penny



Winemakers Seal. Gallo Family, California Red, 2,99 Euro "In der Nase volle Beerenfrucht, eine leichte Süße. Der Wein ist nicht ganz trocken, ist mir zu süß. Ein Mainstream-Wein, der aber ordentlich gemacht ist. Er dürfte höchstens vier Euro kosten."



Comet



Falkenburg, Pfälzer Dornfelder, 2008, 2,99 Euro, Schöne frische Purpurfarbe, ein sehr junger Wein. Verhaltene Nase, man riecht dunkle Beeren. Der Geschmack ist etwas einfach, kein Nachhall. Ein Allerweltswein, technisch aber sauber gemacht. Der Wein darf aber höchstens vier Euro kosten.



Aldi



Cabernet Sauvignon Merlot, Parras/Mexico, 2,99 Euro, Ein Geruch nach gebackenem Dörrobst und etwas Kaffee. Der Wein wirkt überreif, nicht sehr angenehm. Möglich, dass er in zu alten Fässern gelagert wurde. Dieser Wein ist eher was für den Umtrunk am Lagerfeuer. Er muss deutlich unter drei Euro kosten.



Fachhandel



Colegiata 2005, Farina/Toro, Spanien. Etwa acht Euro, über Weinversand "Vinoseleccion", "Dunkle, fast schwarze Farbe. Übertrieben marmeladig in der Nase. Der Geschmack sehr süß, wirkt überreif, zu alkoholisch, fleischig. So dürfte der Wein höchstens fünf Euro kosten."

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Datum:  21.3.2009
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