Graues Sakko, hellblaues Hemd, gegelte Haare, Stoppelbart am Kinn: So empfängt uns Leonardo DiCaprio zum MOPO-Gespräch in einem Berliner Nobelhotel. Der 35-jährige Hollywood-Star mit deutschen Vorfahren ist nicht mehr so zappelig wie früher, sondern wirkt ruhiger, entspannter, souveräner - kurz: erwachsener.
plan7: In "Shutter Island" sprechen Sie ein paar Sätze auf Deutsch. Was würde Ihre deutsche Oma dazu sagen?
Leonardo DiCaprio: Sie würde es lieben! Schade, dass sie das nicht mehr erleben kann. Meine Mutter war sehr zufrieden mit meiner Aussprache im Film und meinte, sie habe jedes Wort verstanden. Ich spreche Deutsch zwar nicht fließend, aber ich würde in Deutschland überleben: Ich kann Essen bestellen und Hotelzimmer buchen. Als Kind habe ich vier oder fünf Sommer bei meinen Großeltern im Ruhrgebiet verbracht; kurz vor dem Mauerfall war ich mit ihnen auch mal in Berlin. Sie haben mir die Mauer gezeigt, und in meinem kindlichen Übermut wollte ich sie gleich niederreißen.
plan7: Waren Sie einer von den wilden Kerlen?
DiCaprio: O ja. Ich fürchte, dass ich wirklich schwer zu ertragen war: Ständig bin ich rumgerannt und habe dummes Zeug angestellt. Ich war ein wildes Kind, das einfach tat, was es wollte. Keine Ahnung, wie meine Mutter das ausgehalten hat.
plan7: Wollten Sie damals schon Schauspieler werden?
DiCaprio: Ja. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich es als Kind geliebt habe, Mamas Freunde zu imitieren. Damit konnte ich meine Mutter und meine Großeltern immer sehr zum Lachen bringen. Schon als Kind habe ich meine Eltern ständig angebettelt, mich zu irgendwelchen Vorsprechterminen mitzunehmen - lange bevor ich wusste, dass man mit der Schauspielerei auch Geld verdienen kann.
plan7: Wissen Sie noch, was Sie für Ihre erste Gage gekauft haben?
DiCaprio: Ich habe meinem Vater ein Auto gekauft. Damals war noch gar nicht klar, ob mich der Darstellerberuf überhaupt würde ernähren können. Heute blicke ich manchmal erstaunt zurück auf das, was seither passiert ist. Nie hätte ich früher zu träumen gewagt, auch nur eine Mini-Rolle in einem Film von Martin Scorsese zu ergattern - und jetzt habe ich schon die vierte Hauptrolle für ihn gespielt!
plan7: Sind Sie seine Muse?
DiCaprio: Das müssen Sie ihn selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass wir in den vergangenen zehn Jahren ein geradezu einzigartiges Vertrauensverhältnis entwickelt haben. Uns verbindet eine große Leidenschaft fürs Kino. Aber wir teilen nicht nur in filmischen Fragen denselben Geschmack, sondern lieben auch die gleichen italienischen Nachspeisen. Vielleicht liegt das an unseren gemeinsamen Wurzeln: Mein Vater ist genauso alt wie Martin Scorsese, stammt aus derselben Nachbarschaft und war sogar auf derselben Grundschule wie er!
plan7: Sind Sie ein Arbeitstier?
DiCaprio: Ja, denn ich liebe meinen Beruf. Leider gibt es nur wenige wirklich gute Drehbücher - sobald eines kursiert, stürzen sich alle wie hungrige Hunde darauf. Ich versuche, jede gute Gelegenheit zu nutzen, die sich mir bietet, damit ich mir in 30 Jahren keine Vorwürfe wegen verpasster Chancen machen muss. Ich bin nun mal mit Leib und Seele Schauspieler: Wenn ich keine Rollenangebote mehr bekäme, dann würde ich einfach mit meinen Freunden kleine billige Filme drehen!