Laszlo Pota ist Experte für Suchtfragen. Die MOPO sprach mit dem Vizepräsidenten des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen über den Drogenbericht der Bundesregierung:
MOPO: Die Zahl der Drogentoten ist rückläufig - ein Aufklärungserfolg?
Pota: Einerseits ja - die Schmuddeldroge Heroin wird kaum noch konsumiert. Andererseits nein - stattdessen sind Crack und Kokain im Kommen.
MOPO: Was für Menschen nehmen Drogen - egal ob harte oder weiche?
Pota: Zum einen junge Menschen, die noch zur Schule gehen oder arbeiten, die aber nicht mit sich klarkommen und am Wochenende etwas Besonderes erleben wollen. Zum anderen die Dauerkonsumenten, die sich aus der Gesellschaft ausklinken und nicht mehr arbeiten.
MOPO: Werden die Gefahren von Alkohol- und Tabakkonsum zu sehr ignoriert?
Pota: Ganz klar: Trinken gehört in Deutschland zum täglichen Leben. Doch die Verharmlosung betrifft auch illegale Drogen: Kiffen gilt als chic. Auch Kokain wird immer gesellschaftsfähiger.
MOPO: Was sind die Ursachen für den hohen Alkoholkonsum Jugendlicher?
Pota: Grund ist der gesellschaftliche Wandlungsprozess: Es gibt kaum noch Familien. In den Städten wird jede zweite Ehe geschieden. Dadurch erfahren Kinder zu Hause nur noch wenig Rückhalt und haben Schwierigkeiten, ein eigenes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Stattdessen überschätzen sie sich in der Pubertät oft selbst. Oder sie verspüren den Drang, sich zu profilieren - zum Beispiel indem sie zu Drogen greifen.
MOPO: Was ist die Folge?
Pota: Hier wächst eine egomane Generation Jugendlicher heran, die es verlernt hat, Bindungen einzugehen, andere zu respektieren und Verantwortung zu übernehmen. Die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, geht verloren. Jugendliche haben keine Vorbilder zum Nachahmen, und statt um Zärtlichkeit geht es nur noch ums Haben. In der Schule werden sie zu wenig pädagogisch betreut. Und im Internet erleben sie eine Ersatzwelt, in der es keine Gefühle gibt. Auch Drogen und Alkohol bieten eine Scheinwelt, die die Flucht aus einer verrohten Gesellschaft ermöglicht, in der Leistung im Vordergrund steht.
MOPO: Was halten Sie von einem Alkoholverbot für Jugendliche?
Pota: Verbote allein nützen nie etwas. Die Kirschen aus Nachbars Garten schmecken immer am besten. Wir brauchen mehr Prävention, zum Beispiel durch eine Gleichaltrigenberatung in den Schulen. Dort müssen auch soziale Fähigkeiten stärker trainiert werden: Kinder müssen lernen, Konflikte zu lösen, sie müssen an Regeln gewöhnt werden. Und auch die Erwachsenenwelt muss sich umstellen: Es kann nicht sein, dass Bier in den Kneipen meistens noch immer billiger ist als Wasser.