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INTERVIEW

Jean-Pierre Jeunet: "Die Franzosen hassen erfolgreiche Leute"

Jean-Pierre Jeunet

Foto: hfr

Schon mit seinem ersten Spielfilm "Delicatessen" wurde er weltberühmt, mit "Die fabelhafte Welt der Amélie" drehte er sogar einen der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten. Nun entführt uns Jean-Pierre Jeunet mit "Micmacs ­- Uns gehört Paris!" erneut in sein einzigartiges filmisches Universum. Die MOPO traf den 56-jährigen Kultregisseur beim Filmfestival von Deauville zum Interview.



plan7: War der Mega-Erfolg von "Amélie" eher Fluch oder Segen für Sie?

Jean-Pierre Jeunet: Ein Segen. Wer ein Hirn hat, weiß, dass sich so ein Hit nie wiederholen lässt. So habe ich keinerlei Druck gespürt ­ im Gegenteil:

Der Erfolg von "Amélie" hat mir viele Türen geöffnet. Ich war nur vorsichtig, weil ich weiß, dass die Franzosen erfolgreiche Leute hassen:

Unsere Presse liebt es, jemanden zum Helden zu stilisieren und bei der nächsten Gelegenheit zu schlachten. Franzosen mögen lieber Verlierer!



plan7: Sie offenbar auch: "Micmacs" handelt von einer Gruppe liebenswerter Loser, die fiesen Waffenhändlern eins auswischen wollen.

Jeunet: Ja. Der Film basiert auf drei Ideen: Erstens wollte ich eine Truppe von Verlierern versammeln, von denen jeder ein besonderes Talent besitzt. Zweitens schwebte mir eine Rachegeschichte in der Tradition eines Sergio-Leone-Westerns vor. Und drittens wollte ich schon lange mal einen Kommentar über Waffenhändler abgeben. Wir haben nämlich "Die Stadt der verlorenen Kinder" in einem Studio geschnitten, das neben einer Waffenfabrik lag. Ich fragte mich täglich, was wohl in den Hirnen dieser freundlichen, adrett gekleideten Waffeningenieure vorging. Für "Micmacs" recherchierte ich viel, fand Erstaunliches heraus.



plan7: Zum Beispiel?

Jeunet: Ich habe eine belgische Waffenfabrik besichtigt, in der Munition hergestellt wird, die die Wände von Panzern durchdringt und alle Insassen sofort tötet. Doch die Leute in der Fabrik sprachen darüber, als würden sie Pralinen produzieren ­ sie waren begeistert von ihrer Technologie und hatten völlig verdrängt, dass ihre Produkte Menschenleben auslöschen. Sie sagten allen Ernstes: "Unsere Waffen werden nur für gute Zwecke eingesetzt. Wir arbeiten ja nicht für eine Kriegsbehörde, sondern für das Verteidigungsministerium."



plan7: Wie konnten Sie Dany Boon für die Hauptrolle gewinnen?

Jeunet: Ich habe ihn noch vor seinem Wahnsinns-Erfolg mit "Willkommen bei den Sch'tis" engagiert. Wir waren uns noch nie begegnet, verstanden uns aber auf Anhieb. Anfangs zögerte er, die Rolle anzunehmen. Da sagte ich zu ihm: "Du hast recht. Du solltest den Film lieber nicht drehen. Aber wenn wir schon mal so nett beieinandersitzen, könnten wir ja gleich ein paar Probeaufnahmen machen. Nur so aus Spaß, ganz ohne Druck." Gesagt, getan, die Aufnahmen waren ein Traum, und noch am selben Abend hatte ich seine Zusage.



plan7: "Micmacs" strotzt ­ wie alle Ihre Filme ­ vor originellen Einfällen.

Wie sammeln und ordnen Sie Ihre Fülle von Ideen?

Jeunet: In einer Schachtel. Guillaume Laurant, mein langjähriger Drehbuch-Partner, tut dasselbe. Wenn wir uns über die Handlung für einen neuen Film einig sind, öffnen wir beide unsere Schachteln und bauen die Ideen in die Geschichte ein. Wir fangen überhaupt erst an zu schreiben, wenn unsere Schachteln voll sind. Unser Ziel ist es, die Zuschauer alle paar Sekunden mit einem neuen Einfall zu überraschen.



plan7: Denken Sie beim Schreiben schon an ein bestimmtes Publikum?

Jeunet: Nein. Im Prinzip mache ich einfach Filme, die ich selbst gerne sehen würde. Ich bin wie ein Koch, der selbst mit Vergnügen isst und in seiner Küche herumexperimentiert. Und wenn ihm seine Kreationen gefallen, dann will er sie mit allen teilen: "Hier, probier mal! Mmh, lecker, oder?"



Das Interview führte Marco Schmidt

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Datum:  22.7.2010
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