Jan Schütte (51) ist einer der interessantesten Independent-Regisseure Deutschlands, der eher auf internationalen Filmfestivals Erfolge feiert, als an der Kinokasse. Sein Debütfilm "Drachenfutter" lief 1998 in Venedig. An der Seite von Martin Scorsese und David Lynch saß er 2002 in der Cannes-Jury. In "Bis später, Max!" erzählt er von den aufregenden Lesereisen eines lebenslustigen und fast greisen Schriftstellers.
plan7: In Ihrem Film geht es um die erotischen Fantasien eines 80-jährigen Mannes, der in seinen Geschichten "versinkt". Warum ist Erotik im Alter immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema?
Jan Schütte: Ist es denn wirklich noch ein Tabuthema? Ich finde, das wird gerade von vielen Seiten aufgebrochen. Die Leute, die heute 60 werden sind ja eigentlich viel jünger als die 60-Jährigen vor 30 Jahren. Denken Sie an die Mitglieder der 68er-Generation, die jetzt alle langsam ins Rentenalter kommen, aber trotzdem ihre Lebensentwürfe sieben Mal geändert haben. Diesen Ansatz gab es früher nicht, deshalb sind alte Leute heute viel vitaler. In den USA habe ich in einer Kritik über meinen Film einen sehr passenden Satz gelesen: "80 is the new 40". Das sagt doch schon viel aus.
plan7: Sex auf der Leinwand wird gerne verklärt und in der Darstellung idealisiert. Warum haben Sie darauf verzichtet?
Schütte: "Bis später, Max!" ist ein Film über Fantasie und Andeutungen, daher war realer Sex nie ein Thema für den Film. Erotik hat viel mit Vorstellung zu tun, daher hat mich viel mehr der Aspekt interessiert, wie Realität und Fantasie miteinander verschmelzen. Was passiert da in unseren Köpfen? Dieses Gefühl des Verlangens und der Imagination ist doch oft viel schöner als die nackte Wahrheit. Bitte verwechseln Sie das aber nicht mit Geilheit.
plan7: Haben Sie eine Wunschvorstellung, wie Sie mit ihren erotischen Wünschen im hohen Alter umgehen wollen?
Schütte: (lacht) Das werden wir sehen! Ich hoffe, dass es mir genauso ergehen wird wie meinem Hauptdarsteller Otto Tausig, der mit 87 Jahren noch so wunderbar lebendig und frisch im Kopf ist. Ich wäre heilfroh, wenn mir das ebenfalls gestattet wäre!
plan7: Bei seiner Rolle als tapsiger Senior mit erotischen Gedanken vor der Kulisse Manhattans wird man automatisch an Woody Allen erinnert. Rührt ein wenig Inspiration daher?
Schütte: Ich mag ältere Woody-Allen-Filme sehr, etwa "Hannah und ihre Schwestern", aber ich habe nie bewusst darüber nachgedacht, ihn in irgendeiner Weise imitieren zu wollen. Otto Tausig schon gar nicht, der kommt ja vom Wiener Burgtheater und hat einen ganz anderen Background. Zufällig haben aber alle älteren Damen aus meinem Film auch schon einmal mit Woody Allen zusammengearbeitet. Vielleicht liegt es daran, dass er das Thema des tapsigen älteren Mannes einfachüber die Jahre sehr stark geprägt.
plan7: Ihr Film legt großen Wert auf die Tragikomik sogenannter amerikanischer Nebenschauplätze wie Motels, Bahnhöfe oder Züge. Wie viel Jim Jarmusch steckt in ihnen?
Schütte: Das kann ich nicht beurteilen. Natürlich werde ich ständig von anderen Filmemachern beeinflusst, aber es wäre ja furchtbar, wenn ich nur Jim Jarmusch nacheifern würde.
plan7: Sie haben für ein paar Jahre in den USA gelebt und gesagt, dass sie das Altmodische lieben, dem man überall noch begegnen kann. Was meinen Sie damit?
Schütte: In Vermont gibt es Bahnstationen, da kommt nur ein Zug am Tag. Ein Zug! Oder im Supermarkt: Da zücken Leute ihr Scheckheft, wenn sie eine Milch bezahlen wollen. Das gibt es hier doch gar nicht mehr. Dieser Blickwinkel auf ein anderes Amerika, der interessiert mich. Vielleicht ist es das, was mich mit der Arbeit von Jim Jarmusch verbindet.