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INTERVIEW

Harry Rowohlt

Lieber Gott, Du bist der Boss, Amen! Dein Rhinozeros" heißt die Leseveranstaltung, die Harry Rowohlt zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Christian Maintz veranstaltet. Rowohlt liest deutsche Gedichte von Heine bis Gernhardt - und Maintz erklärt, warum man drüber lacht.



MOPO: Wird der deutsche Humor unterschätzt?



Harry Rowohlt: Der wird mit Recht niedrig veranschlagt, zumindest der deutsche Gegenwartshumor. Es ist noch nicht genug nachgewachsen. Wir haben die kreative Elite zum größten Teil umgebracht und zu einem kleineren Teil vertrieben.



MOPO: Wer sind denn Ihre Säulenheiligen des Humors?



Rowohlt: Aufgewachsen bin ich mit Kurt Tucholsky, und mit sechs habe ich mich mit Alfred Polgar persönlich angefreundet - da haben wir schon zwei Juden.



MOPO: Mit Christian Maintz treten Sie nur in oder bei Hamburg auf - warum?



Rowohlt: Seit ich weiß, dass ich Polyneuropathie habe, ist das eine schöne Sache für mich. Ich tingele nicht mehr erbarmungslos durch die Käffer. Unsere Faustregel: Man muss in Puschen hinkommen können.



MOPO: Was macht die Krankheit mit Ihnen?



Rowohlt: Der Zeichner Nikolaus Heidelbach hat es am besten beschrieben: Man steht auf Kopfsteinpflaster, und die Füße melden nach oben "Treibsand". Die Nervenzellen sterben immer weiter ab. Damit es nicht so schnell geht, halte ich seit dem 28. Juni vergangenen Jahres stramme Abstinenz. Ich empfehle das aber nicht weiter. Im Gegenteil. Ohne Alkohol erlebt man alles in Echtzeit. Es wirkt also subjektiv lebensverlängernd, aber Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache.



MOPO: Deswegen rauchen Sie auch noch fleißig weiter?



Rowohlt: Ich bin wegen dieser Sache zum ersten Mal von Kopf bis Fuß untersucht worden, und meine Lunge ist ohne Befund. Das ist Ehre und Verpflichtung zugleich.



MOPO: Was tun Sie, um Ihre Stimme zu warten?



Rowohlt: Nichts. Ich habe ja schon vorher nichts gemacht, damit sie so wurde, wie sie ist. Als meine Stimme merkte, dass ich teilweise von ihr lebe, hat sie schon mal gezickt. Da habe ich auch schon mal zehn Tage nicht geraucht. Das waren die zehn schlimmsten Tage meines Lebens.



MOPO: Wie viele rauchen Sie denn am Tag?



Rowohlt: Zwei Packungen. Nächste Frage!



MOPO: Was macht an der "Lindenstraße" am meisten Spaß?



Rowohlt: Die Ensemblemitglieder - und das ist ganz selten - sind richtige Menschen, obwohl sie zum größten Teil Schauspieler sind. Teilweise sind sie so tolle Schauspieler, dass man gar nicht merkt, wie gut sie sind.



MOPO: Merken Sie Ihre Fernsehbekanntheit, wenn Sie die Straße heruntergehen?



Rowohlt: Immer wieder. Das hätte man mir bei meinem Einstieg in die "Lindenstraße" vor zwölfeinhalb Jahren schon sagen sollen. Ich dachte, außer mir sieht diesen Mist doch niemand. Da irrte ich.



MOPO: Was übersetzen Sie gerade?



Rowohlt: Mein 145. Buch! "Leitfaden zum Abfackeln von Schriftstellerresidenzen" von Brock Clarke.



MOPO: Sehen Sie sich als Wegbereiter für unbekannte englischsprachige Literatur in Deutschland?



Rowohlt: Bin ich vielleicht, aber dazu werden Bücher von zu wenigen Menschen gelesen. Dafür gibt es ja auch einen Fachausdruck: "Belletristik". Bücher, die kein Schwein liest.



MOPO: Was ist das lustigste deutsche Gedicht?



Rowohlt: Von F. W. Bernstein: "Horch - ein Schrank geht durch die Nacht/Voll mit nassen Hemden/Den hab ich mir ausgedacht/Um euch zu befremden."

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Datum:  19.5.2008
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