Für "Good Will Hunting" bekam Gus Van Sant seine erste Oscar-Nominierung. "Milk" ist nun für acht Goldstatuen nominiert. Im MOPO-Interview erwies sich der 56-jährige Regisseur, selbst bekennender Schwuler, als ein scheuer, aber sehr freundlicher Zeitgenosse.
plan7: Haben Sie Harvey Milk je kennengelernt?
Gus Van Sant: Nein, ich nahm erst so richtig Notiz von seiner Person, als er erschossen wurde. In den 90er Jahren wollte ich bereits einen Spielfilm über sein Leben drehen, doch das Projekt kam nicht zustande. Als ich jetzt dieses fantastische Drehbuch in die Finger bekam, griff ich zu. Ich finde es wichtiger denn je, Harveys Geschichte zu erzählen.
plan7: Warum?
Van Sant: Weil inzwischen fast niemand mehr seinen Namen kennt. Dabei müssen wir Schwulen heute wieder ganz ähnliche Kämpfe ausfechten wie Harvey damals - und wir könnten von diesem charismatischen Mann einiges darüber lernen, wie wir diese Auseinandersetzungen gewinnen können.
plan7: Hat sich die Situation der Homosexuellen seither nicht deutlich verbessert?
Van Sant: Sicher. Harveys Mitstreiter Clive Jones, der im Film von Emile Hirsch gespielt wird, lacht über die heutigen Aktivitäten der Schwulenbewegung: "Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch für das Recht einsetzt, heiraten und in die Armee eintreten zu dürfen", sagt er. "Das wäre uns Hippies nie in den Sinn gekommen!" Aber es geht uns einfach um die Gleichstellung mit Heterosexuellen. Und davon sind wir in Amerika noch weit entfernt.
plan7: Meinen Sie, dass ein Oscar für "Milk" etwas für Schwule bewirken könnte?
Van Sant: Ja. Ein Oscar hätte zur Folge, dass unser Film sich länger im Kino halten und die Botschaft auch in kleinere Städte tragen könnte.
plan7: Warum gibt es so wenige offen homosexuelle Schauspieler in Hollywood?
Van Sant: Gute Frage. In der Hinsicht sind wir noch nicht viel weiter als in den 50er Jahren, als die Studios ihren schwulen Stars Abendbegleitungen oder sogar Ehefrauen an die Seite stellten, um ein "sauberes" Hetero-Image aufrechtzuerhalten. Heute ist es ganz ähnlich: Sobald Schauspieler erfolgreich sind, haben alle Beteiligen Angst, die Stars würden ihre Beliebtheit und ihre Zugkraft beim Kinopublikum verlieren, wenn sie sich outen würden. Dabei müsste nur mal jemand den Mut haben, den Anfang zu machen. Ich bin sicher, die Fans würden es akzeptieren.