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INTERVIEW GUNTER GABRIEL (67)

"Ich bin unangreifbar, werde immer leben!"

Er war weg vom Fenster. Alkohol-Exzesse und Fremdschäm-Auftritte haben Gunter Gabriel in den Ruin getrieben. Jetzt plant der 67-Jährige sein Comeback. Die MOPO am Sonntag sprach mit ihm über seine neue CD, seinen Absturz, die FDP und die Liebe.



MOPO: Herr Gabriel, Ihr Management nennt Ihr neues Album "das Comeback des Jahres". Was haben Sie in den letzten Jahren gemacht?



Gabriel: Ach, ich war nie weg. Ich war immer Teil des Volkes. Ich hab' nur nicht mehr in der Bundesliga, sondern eine Zeit lang in der Kreisklasse gespielt.



MOPO: Auf dem Album singen Sie viele Songs, die andere geschrieben haben: Peter Fox, Radiohead oder David Bowie. Sind Ihnen die Ideen ausgegangen?



Gabriel: Nee, das war Absicht. Ich habe Werner Graf von Moltke junior, den Event-Manager, mal zufällig an einer Autobahnraststätte getroffen. Und der meinte: "Gunter, du musst weg von diesen Malocher-Songs! Fang an, Cover-Songs zu singen!" Das war `ne geile Idee. Ich spiele aber nur Songs, hinter deren Philosophie ich voll stehe.



MOPO: In einem Lied singen Sie "Ich bin ein Nichts, ich bin ein Niemand." Ist das nicht bitter?



Gabriel: Na ja, eigentlich sehe ich das nicht so. Das ist immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Siehst du das Schiff da drüben?



MOPO: Äh, ja.



Gabriel: Der Typ, der das Ding steuert - vor dem muss ich mich verbeugen. Der lenkt den Kahn um die ganze Welt. Leute wie er, das sind die wahren Helden. Gemessen an dem bin ich ein Körnchen. Ich habe auch eine Riesenehrfurcht vor Frauen. Früher habe ich einfach meinen Rüssel irgendwo reingehalten, ohne darüber nachzudenken. Im Vergleich zu vielen, vielen Frauen bin ich ein Versager.



MOPO: Sie kleiden sich neuerdings wie Johnny Cash. Eine Hommage an Ihren Freund und Ihr Vorbild?



Gabriel: Ein bisschen. Cash war ein ganz wichtiger Wegweiser in meinem Leben. Ich möchte jetzt wieder ernster genommen werden. Da muss ich meinen Trainingsanzug halt ab und zu mal ausziehen. Aber noch mal zu Cash: Der hat gewusst, was zählt im Leben. Das sind Dinge, die du noch gar nicht weißt.



MOPO: Dafür bin ich noch ein bisschen zu jung ...



Gabriel: Ist ja klar. Aber darum sind wir ja da. Um euch Jungen solche Dinge zu erklären.



MOPO: Können Sie die Quintessenz Ihres Wissens in zwei Sätzen zusammenfassen?



Gabriel: Liebe wärmt dich. Ohne Liebe erfrierst du. Liebe ist das Wichtigste. Klingt abgedroschen, ist aber so.



MOPO: Ben Becker nennt Sie "den letzten echten Großstadt-Cowboy". Wie wird man Großstadt-Cowboy?



Gabriel: Da gibt's kein Erfolgsrezept. Großstadt-Cowboys sind Männer, die gegen die Wand rennen, die weinen können, die Staub fressen, die immer wieder aufstehen und weitermachen. Männer, die nie verharren.



MOPO: Deutschland hat Schwarz-Gelb gewählt. Wie finden Sie's?



Gabriel: Gut.



MOPO: Haben Sie gewählt?



Gabriel: Hab's vergessen. Aber wenn ich's gemacht hätte, hätte ich meine Stimme Guido Westerwelle und der FDP gegeben.



MOPO: Westerwelle ist alles andere als ein Großstadt-Cowboy ...



Gabriel: Ich habe mal was Interessantes gelesen: Das deutsche Parteiensystem ist wie eine Familie. Die CDU ist der Vater, der die Knete ranschafft. Die SPD ist die Mutter, die sich um alle kümmert. Und die kleineren Parteien sind die Kinder, die ihre eigenen Ziele verfolgen. Dieses Mal dachte ich: Im Herzen bin SPDler, aber jetzt bin für die FDP, die ist liberal und kreativ.



MOPO: Regelmäßig gibt es Schlagzeilen wie "Gabriel ist versoffen", "Gabriel schlägt seine Frau" oder "Gabriel ist pleite". Wie konnte es so weit kommen?



Gabriel: Das war meine Schuld, ich war leichtsinnig. Ich bin viele Male abgerutscht und gestolpert - aber nie gescheitert. Aber der Abstieg hat auch etwas Romantisches. Aus Krisen geht man gesund hervor. Ob nun in der Weltwirtschaft oder ganz privat. Unterm Strich hab' ich gelernt: Ich bin unangreifbar. Ich werde immer leben - egal, was die anderen sagen oder schreiben.



MOPO: Vor ein paar Jahren haben Sie mal eine Aktion gestartet - sich für 1000 Euro für einen Abend "mieten" zu lassen. Wer waren Ihre Kunden?



Gabriel: Die kamen aus allen Schichten. Vom Bauern in Bremerhaven bis zum Banker in der Schweiz. Geile Konzerte!



MOPO: Gibt es Dinge, bei denen Sie sagen würden: "Dafür bin ich mir zu schade"?



Gabriel: Ich bin mir für nix zu schade. Seitdem ich 14 bin, sorge ich selbst für meinen Lebensunterhalt. Ich war Schweißer, Arbeiter und Maurer. Aber ich habe viele Dinge gemacht, die peinlich waren. Zum Beispiel irgendwo besoffen rumliegen. Aber das ist vorbei. Entscheidend ist, dass so was nicht mehr vorkommt.



MOPO: Stimmt es, dass Sie keinen Alkohol mehr trinken?



Gabriel: Ich war 1995 das letzte Mal besoffen - von Alkohol. Seit dem bin ich nur noch vor Glück und innerem Frieden besoffen.



MOPO: Es heißt, Sie hätten insgesamt 13 Millionen Mark mehr oder weniger zum Fenster rausgeworfen. Wie schafft man das?



Gabriel: Das geht ganz schnell. Ich war leichtsinnig und habe falschen Leuten meine Kohle anvertraut. Die haben's dann mit falschen Investitionen in Immobilien und Öl in den Sand gesetzt. Geld interessiert mich heute aber nicht mehr sonderlich. Ich will einfach nur noch mal richtig einen losmachen!



MOPO: Sie schreiben seit Ihrem 13. Lebensjahr Tagebuch.



Gabriel: Da schreibe ich rein, was Leute zu mir sagen. In Berlin hat mich letztens ein Junkie als "Abschaum" beschimpft. Das fand ich geil und hab's mir notiert.



MOPO: Stimmt es, dass Sie sich neuerdings vom Thema "Frauen" fernhalten wollen?



Gabriel: Das Thema "Bindung" habe ich aufgegeben, Ehe und so weiter. Von Frauen werde ich mich niemals fernhalten. Sie sind das einzige Glück, der einzige Antrieb, den es gibt.

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Datum:  11.10.2009
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