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INTERVIEW

Der neue Sozialsenator Dietrich Wersich

Dietrich Wersich übernimmt keine leichte Position: Die Sozialbehörde gilt als Bereich, der dem Amtsinhaber viele Probleme und wenig Renommee verschafft. Zu Wersichs Gebiet gehören auch Verbraucherschutz und Gesundheit. Für beide Bereiche war der gelernte Arzt als Staatsrat zuständig.



MOPO: Als 13-Jähriger demonstrierten Sie in Brokdorf, liebäugelten mit den Grünen, landeten bei der CDU. Jetzt regiert Schwarz-Grün. Das passt doch?



Wersich: Ich bin sehr wertkonservativ groß geworden. Mein Hintergrund damals war das Buch des CDU-Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl: "Ein Planet wird geplündert", wo unter Schöpfungsgesichtspunkten das Thema Bewahrung der Lebensgrundlagen bearbeitet wurde. Die Grünen wurden zur Sammelbewegung vieler gesellschaftlicher Aktivitäten. Das hat sich dann früh geschieden.



MOPO: Im Grunde Ihres Herzens sind Sie aber grün?



Wersich: Unser Motto zu Hause war: Ehrfurcht vor dem Leben. Damit bin ich groß geworden.



MOPO: Wann waren Sie zuletzt in Jenfeld oder Billstedt?



Wersich: Mit der Rathauskickermannschaft haben wir in Billstedt an einem Turnier teilgenommen.



MOPO: Wir stellen die Frage, um zu erfahren: Glauben Sie, dass die Stadt sozial gespalten ist?



Wersich: Es gibt Unterschiede. Aber eine Spaltung in Stadtteile oder Orte ist eine falsche Diagnose. Es gibt gewisse Lebenslagen, die zu Problemen führen. Wenn ich soziale Spaltung auf Stadtteile beziehe, geht eine verhängnisvolle Botschaft davon aus. So als wäre man als Alkoholiker in Winterhude besser dran als in einem anderen Stadtteil.



MOPO: Also gibt es keine Probleme?



Wersich: Natürlich gibt es Stadtteile, wo besonders viele Menschen in einer schwierigen Lebenslage sind. Aber in dem Moment, wo man Stadtteile runterredet oder stigmatisiert, fördert man am Ende eine Entmischung der Stadtteile.



MOPO: Und wie wollen Sie als Sozialsenator diese Probleme der Menschen angehen?



Wersich: Man muss gezielt bei den Problemen ansetzen, zum Beispiel mit der frühen Familienförderung, der Eltern-Kind-Zentren, der Förderung von Elternkompetenz, bei der Sucht- und Schuldenberatung.



MOPO: Wo sehen Sie die drängendsten sozialen Probleme?



Wersich: Verfestigte Arbeitslosigkeit, Integration und Förderung von Familie.



MOPO: Was empfinden Sie, wenn Sie Kinder an Suppenküchen anstehen sehen?



Wersich: Es ist insofern erschreckend, weil es häufig nicht die Frage materieller Armut ist, sondern des Kümmerns der Eltern und der Elternkompetenz. Ich sehe das mit sehr gemischten Gefühlen, weil es Eltern gibt, die viele gut gemeinte Angebote ausnutzen.



MOPO: Mussten Sie schon einmal von der Hand in den Mund leben?



Wersich: Ich komme aus einer Familie mit fünf Kindern. Wir hätten keine einzige Klassenreise mitmachen können, wenn wir nicht Unterstützung bekommen hätten. Ich habe Bafög bezogen, nebenbei gejobbt, ich habe in einer Sozialwohnung gelebt. Ich komme also aus Verhältnissen, wo wir immer knapp haushalten mussten.



MOPO: Was werden Sie zuerst anpacken?



Wersich: Diese Behörde ist ungeheuer viefältig und entsprechend gibt es viele wichtige Punkte. Im Gesundheitsbereich zum Beispiel werden wir nicht mehr nur auf die "Reparatur" gucken, sondern verstärkt auf die Prävention. Wir werden einen Pakt für Prävention schließen mit den Krankenversicherungen, mit den Kitas, mit Kammern, Firmen. Das halte ich für eine der vordringlichsten Aufgaben im Gesundheitsbereich. Beim Thema Kinderschutz glaube ich, dass der Ausbau der frühen Förderung und Hilfen vordringlich ist. Sprich: Vorziehen des Rechtsanspruchs auf Kindertagesbetreuung und den weiteren Ausbau der Betreuung.



MOPO: Wie viele Plätze fehlen denn bei den Kitas?



Wersich: Fehlen? Das kann man so nicht sagen. Wir erleben ja eine richtige gesellschaftliche Revolution. Mütter steigen früh wieder in den Beruf ein, Väter kümmern sich um die Kinder. Deshalb haben wir ein riesiges Wachstum auf der Nachfrageseite. Es geht also nicht um fehlende Plätze, sondern um ein kontinuierliches Wachstum der Nachfrage. Und da müssen wir mit dem Ausbau Schritt halten.



MOPO: In Steigerungsraten ausgedrückt?



Wersich: Im Krippenbereich erwarten wir eine jährliche Steigerungsrate von zehn und mehr Prozent. Es ist für unser Land eine Schicksalsfrage, dass Eltern nicht mehr gezwungen werden zu sagen: Karriere oder Kind. Sondern sie können beides leben.



MOPO: Das hört sich ja paradiesisch an. Aber die Wirklichkeit sieht doch noch anders aus.



Wersich: Neben dem Rechtsanspruch bis zu zwölf Stunden täglich sehe ich noch einen großen Handlungsbedarf in den Firmen und Betrieben selber, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf herzustellen. Flexiblere Arbeitszeiten, mehr Telearbeitsplätze, kurzfristige Notfall-Kinderbetreuung.



MOPO: Wie definieren Sie denn Familie?



Wersich: Familie ist bunt. Es gibt kein staatliches Bild, wie Familie sein soll.



MOPO: Wie könnte eine Alternative zum Jugendknast Feuerbergstraße aussehen?



Wersich: Die Feuerbergstraße ist kein Gefängnis, sondern eine Jugendhilfeeinrichtung. Es gibt Jugendliche, für die eine geschlossene pädagogische Unterbringung nötig ist, um aus ihrem Milieu rauszukommen. Wir haben uns geeinigt, keine eigene Einrichtung zu betreiben, sondern auf Plätze außerhalb zurückzugreifen.



MOPO: Wovor haben Sie am meisten Respekt in Ihrem Amt?



Wersich: Vor den anvertrauten Menschen. Das hier ist ein sehr menschliches Ressort.

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Datum:  15.5.2008
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