Sie gilt als engagierteste Filmemacherin aus Indien: Deepa Mehta, die seit 1973 in Kanada lebt, hat nicht nur die erfolgreiche romantische Komödie "Bollywood/Hollywood" gedreht, sondern vor allem mit ihrer "Trilogie der Elemente" weltweit für Furore gesorgt. "Fire" handelt von der Liebesbeziehung zwischen zwei unglücklich verheirateten Frauen in Neu-Delhi, "Earth" von der brutalen Teilung Indiens im Jahr 1947 und "Water" von der grausamen Behandlung der Witwen im Hinduismus. Beim Filmfest in Taormina sprach die MOPO mit der 55-jährigen Regisseurin.
plan7: Wie man hört, liegen Sie im Dauerclinch mit fundamentalistischen Hindus ...
Mehta: So ist es. Schon bei "Fire" und "Earth" gab es gewalttätige Proteste. Mein Drehbuch zu "Water" hat die indische Regierung zwar anstandslos genehmigt, aber als wir im Jahr 2000 anfangen wollten zu drehen, kam plötzlich über Nacht ein Mob von Fundamentalisten, zerstörte die Filmeinrichtung und sprach Morddrohungen aus, weil das Werk angeblich Hindu-feindlich sei. Dabei hatte niemand von ihnen das Skript zu Gesicht bekommen. Als die Proteste weiter eskalierten, stoppten die Behörden die Dreharbeiten, um die "öffentliche Sicherheit" zu wahren.
plan7: Es hat noch mal fünf Jahre gedauert, bis Sie den Film gedreht haben ...
Mehta: Ja, und zwar heimlich in Sri Lanka - unter dem harmlosen Filmtitel "Full Moon"! Ich habe lange gewartet, bis meine Wut verflogen war. Denn Wut ist keine gute Basis fürs Filmemachen.
plan7: Sondern? Was treibt Sie an?
Mehta: Meine unbändige Neugierde. Mein leidenschaftlicher Drang, zu verstehen, warum manche Dinge in unserer Gesellschaft so sind und nicht anders. Es gibt noch heute Millionen von Witwen in Indien, die diskriminiert werden, weil man einen mehr als 2000 Jahre alten religiösen Text stur auslegt. Der Titel "Water" deutet an, dass Traditionen nie erstarren, sondern im Fluss bleiben sollten - stehende Gewässer sind ein steter Quell für Probleme!
plan7: Nicht nur in Indien.
Mehta: Genau! Denken Sie nur daran, wie die katholische Kirche in Irland mit "gefallenen Mädchen" umgeht - oder wie die Australier ihre Aborigines behandeln! Sogar bei uns in Kanada beobachte ich, wie Schwächere unterdrückt werden, seien es Senioren oder indianische Ureinwohner. Diskriminierung ist universell. Wenn mich Leute fragen, was sie für die armen indischen Witwen tun könnten, antworte ich: "Überlasst das mal den Indern. Kümmert euch lieber darum, was vor eurer eigenen Haustür passiert!"
plan7: Ihr Vater war Filmverleiher in Delhi. Sieht er sich Ihre Werke an?
Mehta: Na klar. Sogar mehrmals. Er ist wie alle Väter: Was immer seine Tochter tut, findet er großartig. Von ihm habe ich gelernt, dass man zwei Dinge nie vorhersagen kann: wann man stirbt - und wie erfolgreich ein Film wird!