Von seinem ersten Kinofilm "Parasiten-Mörder" über "Die Fliege" und "Die Unzertrennlichen" bis hin zu "existenZ": Regisseur David Cronenberg gilt als Spezialist für albtraumartige Horrorszenarien und verstörende Gewaltfantasien. Wenn er einem im Gespräch gegenübersitzt mit seinen freundlichen Augen, der sanften Stimme und den reizenden Umgangsformen, dann mag man es kaum fassen: Wie kann so ein netter Mann derart beängstigende Filme drehen? Die MOPO traf den 64-Jährigen beim Filmfestival von San Sebastiàn, das mit Cronenbergs neuem Thriller "Tödliche Versprechen" eröffnet wurde.
plan7: Wie kommt ein Kanadier wie Sie dazu, einen Film über die Russen-Mafia in London zu machen?
Cronenberg: Ganz einfach: Man hat mir das Drehbuch angeboten, und ich fand die Geschichte, die Figuren und die Dialoge fantastisch. Und es war hervorragend recherchiert. Ich liebe es, als Regisseur in eine fremde Welt einzutauchen - wie ich das auch in meinem Film "M. Butterfly" mit der Welt der Peking-Oper gemacht habe. Ich drehe ja keine Dokumentationen, sondern möchte den Zuschauer bloß für zwei Stunden auf eine Reise mitnehmen. Was ich mache, ist und bleibt Fiktion.
plan7: Nach "A History Of Violence" haben Sie nun erneut einen Gangsterfilm mit Viggo Mortensen gedreht ...
Cronenberg: Ja, er hat mich mit viel Geld bestochen. (lacht) Im Ernst: Ich wollte unbedingt wieder mit ihm arbeiten, denn ich kenne keinen, der sich so in seine Rollen hineinkniet und trotzdem seinen Humor nicht verliert. Nachdem wir uns so gut verstanden, konnten wir diesmal gleich auf einem höheren Niveau einsteigen - wir sind quasi im dritten Gang gestartet. Dass es jetzt wieder ein Gangsterfilm wurde, ist reiner Zufall: Andere Projekte, die ich realisieren wollte, sind an der Finanzierung gescheitert.
plan7: Ist es auch Zufall, dass es wieder um Leute geht, die etwas anderes sind, als sie scheinen?
Cronenberg: Nein. Alle meine Filme beschäftigen sich mit der menschlichen Identität. Ich bin überzeugt, dass nicht schon von Geburt an feststeht, wer wir sind, sondern dass wir unsere Identität jederzeit selbst verändern können. Und mich fasziniert die Vorstellung, dass man jahrelang mit jemandem verheiratet sein kann, ohne zu merken, dass er gar kein Prinz ist, sondern ein Frosch. Oder ein Killer.
plan7: Wenn man Ihre Filme sieht, könnte man meinen, dass Sie auch von Gewalt fasziniert sind.
Cronenberg: Glauben Sie mir, ich bin eigentlich sehr friedfertig. Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden geschlagen und war auch noch nie in eine Prügelei verwickelt. Aber wenn man sich mit der menschlichen Natur beschäftigt, kommt man irgendwann zwangsläufig zur Gewalt - sie ist einfach ein wichtiger Teil unserer Existenz. Und ich finde, wenn ich in meinen Filmen schon von Gewalt erzähle, dann muss ich sie auch so realistisch wie möglich zeigen und darf sie nicht stilisieren oder ausblenden.
plan7: Warum benutzen die Mafiosi in "Tödliche Versprechen" nur Messer und keine Schusswaffen?
Cronenberg: Wenn man jemanden mit einer Schusswaffe tötet, kann man Distanz wahren. Wenn man aber ein Messer benutzt, ist das viel intimer - man riecht, hört und spürt sein Opfer. Das beschreibt das Wesen der Gewalt weitaus klarer: die Zerstörung des menschlichen Körpers. Mord ist ja nichts Abstraktes, sondern eine konkrete Tat mit grausamen Konsequenzen. Anders als manche Kollegen nehme das in meinen Filmen immer sehr ernst!