Seit "Trainspotting" gilt er als Kultregisseur, sein "Slumdog Millionär" war der große Oscar-Abräumer. Doch Danny Boyle, 52, ist erfrischend bodenständig geblieben: Er nimmt kein Blatt vor den Mund und steht zu seiner Herkunft aus der englischen Arbeiterklasse. Als Gesprächspartner hat man fast das Gefühl, man säße ihm nicht in einem Münchner Nobelhotel gegenüber, sondern in einem versifften Pub in Manchester.
plan7: Meinen Sie, dass der Oscar-Gewinn eher ein Segen oder ein Fluch ist?
Danny Boyle: Für mich vielleicht eher ein Fluch. Mag sein, dass einem die Oscars bestimmte Hollywood-Türen öffnen - aber darauf pfeife ich. Seit "The Beach" ist mir klar, dass Auftragsarbeiten für ein großes Studio einfach nicht mein Ding sind. Ich fürchte, der Job wird für mich in Zukunft schwerer. Denn bis jetzt bin ich immer unauffällig unter den Radarschirmen durchgeflutscht. Ich habe es geliebt, einfach nach Indien abhauen zu können, ohne dass sich jemand einen feuchten Furz darum scherte, was ich dort trieb. Weil es so stressig war, an unseren Drehort zu kommen, hat mir kein Geldgeber in meine Arbeit gequatscht.
plan7: Ist es nicht knifflig, in Mumbai vor Ort im wildesten Getümmel zu filmen?
Boyle: Sicher. Aber man darf einfach nicht erwarten, alles kontrollieren zu können. Wir haben zunächst versucht, mit klassischer Filmkamera und ausgewählten Statisten zu drehen. Doch das Resultat war grauenhaft: Es fühlte sich überhaupt nicht wie das wahre Leben an, sondern steril, verlogen, buchstäblich tot. Also stiegen wir auf kleine Digicam und Guerilla-Taktik um, ließen das Chaos zu und stürzten uns mitten ins Geschehen, um die Atmosphäre einzufangen. Klar, da passieren eine Menge Fehler - Preise für Folgerichtigkeit kannst du dir abschminken. Scheiß drauf! Zur Belohnung bekommst du eine unglaubliche Energie, die den ganzen Film durchpulst.
plan7: Wie haben denn die Passanten reagiert?
Boyle: Viele haben gar nicht gemerkt, dass wir einen Film drehten - unser Kameramann sah aus wie ein tapsiger Touristen-Trottel. Und wenn doch mal jemand in die Kamera glotzte, dann war es mir meistens egal. Vor einem Call-Center kam ein Security-Affe auf uns zu und sagte: "Filmen verboten!" Ich habe ihn einfach in den Film reingeschnitten. Bin gespannt, was der Kerl für ein Gesicht macht, wenn er sich auf der Leinwand sieht! Authentizität war mir wichtig. Drum habe ich auch nicht in sauberen Kulissen gefilmt, sondern in echten Slums.
plan7: Aber Sie haben Ihren jungen Hauptdarsteller doch nicht in eine echte Jauchegrube geschubst, oder?
Boyle: Nein. Die Jauchegrube im Film ist echt, aber wir haben eine große Steeldrum hineingestellt und sie mit Erdnussbutter und Schokolade gefüllt. Da sprang der Junge hinein - auf diese Weise war er vor den Krankheitserregern geschützt, die in der Scheiße herumwuseln. Wir konnten allerdings nicht verhindern, dass die Kids den ganzen Tag in einem nahe gelegenen Teich planschten, der eine wahre Kloake war. Ein Skandal, dass die Regierung nicht für Toiletten in den Slums sorgt! Ich kann Ihnen sagen, die Erlebnisse in Indien haben mein Leben wirklich verändert!
plan7: Inwiefern?
Boyle: Mir wurde vor Augen geführt, dass wir Westler alle Ecken und Kanten in unserem Alltag gestutzt haben. In den Slums von Mumbai ist alles viel rauer und ehrlicher. Da wird man auf seine Grundbedürfnisse zurückgeworfen: atmen, fressen, scheißen, vögeln. Man fragt sich: Wo treiben es all diese Menschen miteinander? Und: Wo zum Teufel kacken die Frauen? Man sieht nämlich ständig Männer, die sich irgendwo hinhocken, aber nie eine Frau. Nie! Manche behaupten, es würde nachts passieren. Das ist aber eine verdammte Lüge. Wir haben oft ganze Nächte lang gefilmt, und nie hat man eine Frau beim Scheißen gesehen. Eines der größten Geheimnisse dieses Subkontinents!