Beim Thriller-Festival von Beaune, wo Claude Chabrol als Jury-Präsident fungierte, sprach die MOPO mit dem Starregisseur über seinen neuesten Krimi "Kommissar Bellamy". Der 79-Jährige steckte in einem ausgebeulten Cordjackett; aus seinen wachen Augen blitzte der Schalk, und sein Lachen schallte durch die ganze Hotellobby.
plan7: Hatten Sie beim Schreiben von "Kommissar Bellamy" schon Gérard Depardieu als Hauptdarsteller im Hinterkopf?
Claude Chabrol: Ja. Ich wollte unbedingt einmal mit ihm arbeiten und ein paar Facetten aus ihm herauskitzeln, die er bisher noch nicht zeigen konnte. Darum habe ich ihm die Titelrolle buchstäblich auf den Leib geschrieben.
plan7: Ein sehr fülliger Leib ...
Chabrol: Ja, ich weiß. Gérard hat von vornherein zu mir gesagt: "Ich wiege 130 Kilo, basta. Abnehmen kommt für mich nicht infrage." Das war aber für die Rolle auch gar nicht nötig - im Gegenteil: Kommissar Bellamy schleppt einen Haufen Probleme mit sich herum und benimmt sich manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen. Da passt es ganz gut, dass er beim Treppensteigen so heftig schnauft wie Gérard.
plan7: Es scheint, als hätten Sie in die Figur des Kommissars auch einige Charakterzüge von Depardieu einfließen lassen.
Chabrol: Stimmt. Mir schwebte eine Art Depardieu-Porträt vor. Allerdings hat meine Co-Autorin heimlich auch ein paar Eigenheiten von mir in Bellamys Figur eingebaut. Ich habe gemerkt, dass das gut funktioniert, und so habe ich es beibehalten. Insofern ist Bellamy eine Mischung aus Gérard und mir.
plan7: Welche Ihrer Eigenschaften stecken in Bellamy?
Chabrol: Seine Zärtlichkeit zum Beispiel. Die Art, wie er mit seiner Frau umgeht, wie er sie anfasst, wie er sie mit seinen Händen von oben bis unten verwöhnt: Das kommt bei mir auch manchmal vor, wenn ich gut gelaunt bin!
plan7: Sie sind zum dritten Mal verheiratet. Glauben Sie eigentlich an die Liebe?
Chabrol: O ja. Ehrlich gesagt, liebe ich meine Frau nach fast 30 Jahren Ehe beinahe mehr als am ersten Tag. Heute ist es natürlich mehr eine innige Zuneigung als eine sexuelle Leidenschaft.
plan7: Bellamy liebt allerdings auch andere Frauen. Und Sie?
Chabrol: Ich war nie ein Don Juan, wenn Sie das meinen. Insofern glaube ich nicht, dass meine Frau mir viel verzeihen muss. Hinzu kommt, dass ich eine echte Femme fatale geheiratet habe - was sich fatalerweise erst nach der Hochzeit herausgestellt hat ...
plan7: Kannten sich Gérard Depardieu und Marie Bunel, die im Film seine langjährige Ehefrau spielt?
Chabrol: Nein, überhaupt nicht. Aber Gérard hat gleich von Anfang an heftig an ihr rumgefummelt, sodass sie mich besorgt fragte: "Sag mal, ist der immer so?" Ich beruhigte sie: "Keine Angst, das macht er nur zu Beginn, um die Vertrautheit herzustellen, die für eure Rollen notwendig ist." Tatsächlich fasste er ihr am dritten Tag zur Begrüßung nicht mehr an den Hintern, woraufhin sie sich bei mir beschwerte: "Was ist denn mit Gérard los? Der hat mich heute gar nicht richtig begrüßt!"