plan7: Wie kamen Sie als Sohn eines Japaners und einer Schwedin dazu, einen Film über honduranische Flüchtlinge und mexikanische Gangs zu drehen?
Cary Fukunaga: Bei den Recherchen für meinen zweiten Studentenfilm stieß ich auf eine Geschichte: Um sich in die USA zu schmuggeln, reisen Unzählige aus ganz Lateinamerika auf Güterzügen quer durch Mexiko - in ständiger Angst vor brutalen Banden und korrupten Polizisten. Ich wollte wissen: Was treibt all diese Menschen in ein Land, in dem sie nicht willkommen sind? Warum riskieren sie dafür ihr Leben?
plan7: Und dann haben Sie für "Sin Nombre" fünf Jahre lang recherchiert?
Fukunaga: Ja, ich bin nach Mexiko gezogen, habe dort das Leben in den Slums und den Gefängnissen studiert und bin nächtelang mit Flüchtlingen aus Guatemala auf Güterwaggon-Dächern Richtung Norden gefahren. Über Sozialarbeiter kam ich an Mitglieder von Banden heran, mit denen ich mich zwei Jahre intensiv befasste.
plan7: Was fanden Sie heraus?
Fukunaga: Dass die Realität in den Gangs anders aussieht als das, was in den Medien dargestellt wird. Bandenmitglieder sind im Prinzip Menschen wie du und ich - abgesehen davon, dass sie manchmal jemanden umbringen. Mir ist nie ein Akt sinnloser Gewalt begegnet: Entweder die Gewalt richtet sich gegen einen Feind oder sie dient als Strafe. Die Gangs haben einen strengen Kodex, eine Art Rechtssystem. Mit meinem Film möchte ich einen authentischen Einblick in dieses System bieten: Ich will es natürlich nicht verherrlichen, aber auch nicht pauschal verdammen.
plan7: Haben Sie einen Lösungsansatz für das Problem der Flüchtlinge und der mächtigen Banden?
Fukunaga: Mir ist klar geworden, dass wir zuallererst die Armut in den Griff bekommen müssen. Denn sie ist die eigentliche Ursache für Gewalt, Verbrechen und Fanatismus. Wenn wir es nicht schaffen, überall menschliche Grundrechte wie etwa die medizinische Versorgung zu etablieren, haben wir keine Chance.
plan7: Sie haben selbst jahrelang als Kameramann gearbeitet. Durfte Adriano Goldman bei "Sin Nombre" trotzdem in Ruhe seinen Job hinter der Kamera machen?
Fukunaga: Ja. Bewundernswert, wie ruhig er mit der Handkamera umgeht. Das war wichtig, weil ich elegante Bilder wollte. Ich hasse es, wenn man im Kino vor lauter Kameragewackel seekrank wird.
plan7: Planen Sie weitere Filme in ähnlichem Stil?
Fukunaga: Nein. Als Nächstes wage ich mich an eine sehr britische Geschichte: eine Neuverfilmung des Romans "Jane Eyre" von Charlotte Brontº. Und ich schreibe gerade an einem Musical. Da kann ich endlich meine beiden Leidenschaften verbinden: Film und Musik.
plan7: Stimmt es, dass Sie auf Reisen Ihre Ukulele mitnehmen?
Fukunaga: Ja, ich träume davon, ein besserer Musiker zu werden.
plan7: Dann sollten Sie vielleicht mit der Filmerei aufhören.
Fukunaga: Stimmt (lacht). Im Ernst: Ich habe schon erwogen, mich nur noch aufs Regieführen und Musikmachen zu konzentrieren - und die zeitaufwendige Schreiberei aufzugeben. Denn beim Schreiben leide ich wirklich. Andererseits brauche ich diese Qual. Ich habe nämlich Angst, dass ich zu bequem werde, wenn ich mich nicht mehr zum Schreiben zwinge. Und das will ich unbedingt vermeiden!