Als einer der wenigen der "Radio Rock"-Filmcrew hat Bill Nighy diese Zeit auch selbst erlebt. Und die Liebe des distinguierten Engländers gilt nach wie vor der Musik der 60er Jahre.
Plan7: "Radio Rock Revolution" ist wie eine Reise in die Kultur Ihrer Jugend.
Bill Nighy: Diese Kultur entstand damals gerade erst. Wir konnten ja auf nichts zurückgreifen, wie die Jugendlichen heute. Schallplatten waren eine absolut exotische Angelegenheit. Vor allem amerikanische Scheiben. Wer von uns im Besitz eines US-Imports war, war der Größte.
Plan7: Was haben Sie denn damals gehört?
Nighy: Das, was meine Eltern hörten; da war schon auch etwas von Buddy Holly dabei. Oder Ricky Nelson. Kennen Sie den noch?
Plan7: Klar. Der spielte und sang sogar in "Rio Bravo" mit Dean Martin und John Wayne. "Cindy" hieß der Song.
Nighy: Da kennt ja jemand noch die Zeit! Chuck Berry, die Beatles, Stones, Kinks, The Who, Led Zeppelin und wie sie alle heißen. Das war für uns wie eine Offenbarung. Und weil die BBC sie nicht spielte, lagen wir nachts in den Betten mit dem Kofferradio unterm Kopfkissen und hörten Radio Caroline und die anderen Piratensender.
Plan7: Klingt, als ob Sie an diese Zeit gerne zurückdenken.
Nighy: Natürlich. Das war ja meine Jugend. Was ich aber gar nicht mag, sind Menschen in meinem Alter, die den Jungen heute weismachen wollen, dass damals alles besser war. Schwachsinn! Aber die Musik damals war einfach genial im Gegensatz zu heute.
Plan7: Heute tragen Sie maßgeschneiderte Anzüge. Wie haben Sie sich damals gekleidet?
Nighy: Also, ein Hippie war ich nie. Zumindest nicht äußerlich. Wir hatten auch nicht viel Geld, da musste ich schon improvisieren. Ich hab' mich einfach stilistisch durchgeschwindelt.
Plan7: Welche Musik hören Sie heute?
Nighy: Was gerade musikalisch abgeht, ist nicht so meine Welt. Wenn ich allein zu Hause bin, tanze ich gerne. Ich hab einen Teppich, auf dem man mit den richtigen Schuhen fast gleitet. Dann hole ich meinen Marvin Gaye heraus und tanze und bin ganz versunken. Ansonsten höre ich, was Freunde mir auf meinen iPod spielen. Ich selbst habe nämlich keinen Computer.
Plan7: Eigentlich wollten Sie mal Romancier werden und sind nach der Schule nach Paris gegangen ...
Nighy: Erinnern Sie mich bloß nicht daran! Mein Waterloo. Ich saß in Paris in einem tristen Kämmerchen mit einem Stapel Papier. Ich schrieb dann einen Titel, nahm ein Lineal und zog einen Korrekturrand, so wie man es eben in der Schule machte. Und das war es dann. Ich verdiente nichts und muss sehr verhungert ausgesehen haben. Jemand auf der Straße schenkte mir dann zehn Centimes. Da hatte ich schon drei Tage nichts mehr im Magen. Mir wurde klar: Als Schriftsteller würde ich verhungern, und wurde Schauspieler. Ich glaube, das war ein weiser Entschluss.