Es ist nicht die Statur. Eher schon die Stimme. Fest, laut, bestimmt. Wenn Ulrich Mumm einen seiner Schüler ins Gebet nimmt, dann werden aus aufmüpfigen Möchtegern-Machos kleine Jungs. Während Deutschland darüber diskutiert, wie Integration funktionieren kann, während sich in TV-Dokumentationen über Schulen in Problemvierteln Abgründe auftun, lebt der 64-jährige Schulleiter aus Altona vor, wie es geht. Eine Erfolgsgeschichte.
Morgens, 8.03 Uhr. Mumm steht am Haupteingang des Gymnasiums Allee. Wie jeden Tag. Wer jetzt erst kommt, hat ein Problem. „Guten Morgen, Gökhan. Ist dein Wecker kaputt?“, fragt er. Gökhan sprintet an ihm vorbei, sein Kopf ist tomatenrot. Einmal zu oft zu spät kommen – das hat schwere Konsequenzen. Mumm lässt Sünder schon mal eine Woche lang um 6.30 Uhr bei sich im Büro aufschlagen. „Strafe muss sein“, sagt er.
Seit 22 Jahren ist Mumm hier Schulleiter. Mehr als die Hälfte seiner Schüler haben einen Migrationshintergrund. Eltern, die nicht genug Deutsch sprechen, um den Elternabend zu verstehen, Mädchen, die nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollen oder dürfen – Routine für Mumm.
Wenn Eltern kein Deutsch sprechen, dann holt er Schüler aus der Oberstufe dazu, die übersetzen. Kein Elterngespräch fällt wegen Sprachdefiziten aus! Der Schwimmunterricht findet fast immer für alle statt – Mädchen, die aus religiösem Schamgefühl nicht ins Wasser wollen, schlüpfen in eine Art Ganzkörper-Anzug – sonst droht eine Sechs im Zeugnis.
„Es geht uns nicht darum, dass die Kinder sich enthüllen. Sie sollen eine überlebenswichtige Technik lernen“, sagt er. Und da darf es keine Ausnahmen geben.
Auch in anderen Bereichen folgen schnell Sanktionen: Kürzlich hatte eine Familie ihrem Sohn die Klassenreise verboten. Konsequenz: 1000 Euro Geldstrafe! So will es das Schulgesetz, so befolgt es Mumm.
Kunstlehrer ist Mumm eigentlich. Aber zum Unterrichten hat er keine Zeit. Der Vater zweier Kinder weiß, dass er die Eltern mit ins Boot holen muss. Hausbesuche sind Alltag. Ob zu Ramadan oder zum Krisengespräch: Er sitzt in Altonaer Wohnzimmern, trinkt türkischen Tee und diskutiert mit Vätern und Müttern über ihre Kinder. „Eine Vertrauensbasis ist die Lösung, wir haben nur eine Chance, wenn wir gemeinsam erziehen“, sagt er.
750 Schüler betreut er. Er kennt den Namen eines jeden. „Anonymität ist hier ein Fremdwort“, so Mumm. Die Schüler erzählen, dass man nie wisse, wann er um die Ecke kommt. In jeder großen Pause hat Mumm Hofgang. „Ich bin kein unsichtbarer Schulleiter“, sagt er. Wenn Schüler sich prügeln, reicht eine Entschuldigung selten aus. Die harten Kerle müssen Bürgersteige vor der Schule fegen, manchmal wochenlang. Das ist effektiver.
Es gibt auch an der Allee Situationen, in denen nichts mehr hilft. Einmal drohte ein Schüler einem Lehrer: „Ich schlag’ dich tot!“ Mumm nahm sich viel Zeit, den Eltern die Folgen zu erklären. Es konnte aber nur eine Konsequenz geben: Der Schüler flog raus. Für dessen Eltern offenbar eine korrekte Entscheidung. Ihr jüngerer Sohn besucht heute die siebte Klasse des Gymnasiums. „Der Vater vertraut mir“, sagt Mumm. Sein Modell sei hart, aber fair.
Wenn einer der Allee-Schüler im Supermarkt klaut, geht es im Direktorzimmer um Ehre und Stolz. Mumm spielt mit vertrauten Begriffen und wirft dem Schüler dann vor, die Schule beschämt zu haben. „Auch in ihrer Freizeit sind sie Schüler der Allee“, sagt Mumm. „Es klingt hart, aber im Nachhinein sind wir alle stolz, wenn Schüler wichtige Rollen in der Gesellschaft einnehmen.“
Was wünscht sich Mumm in Sachen Integration für 2020? „Ich will in Zukunft nicht mehr hören: ,Oh, Sie haben aber viele Ausländer an Ihrer Schule.‘“ Eine hohe Migrantenquote stehe nicht für Chancenlosigkeit.
Mandana war früher auf Mumms Gymnasium. „Es war nicht immer leicht, diese starke Autorität zu ertragen“, sagt sie. Heute ist sie erfolgreiche Zahnärztin in Hamburg.