Krise am Schauspielhaus? "Definitiv nein", kontert der kaufmännische Direktor Jack Kurfess. Auch Kultursenatorin Karin von Welck erklärt: "Das Theater befindet sich auf einem guten Weg. Die Zuschauerzahlen liegen nach der zweiten Spielzeit von Friedrich Schirmer im Plan." Tatsächlich?
In der vergangenen Spielzeit sahen rund 127000 Besucher die Eigeninszenierungen im Großen Haus. 210000 Zuschauer kamen insgesamt. Damit liegt Schirmer nach zwei Spielzeiten etwa auf einer Höhe mit Vorgänger Tom Stromberg in seiner vierten Saison. Die Kasse stimmt noch nicht: Die halbe Million Rücklage ist verbraucht. Mit 500 000 Euro ist man zudem im Minus. Das Defizit soll in den kommenden zwei Jahren bis auf null ausgeglichen sein.
Und was macht die Kunst? Diese Spielzeit begann - sagen wir: ungewöhnlich. Am Anfang stand das kleine, aber feine Europa-Festival, das die freie Produzentin Andrea Tietz initiiert hatte. Das kam an: Malersaal und Rangfoyer waren jeden Abend rappelvoll. Zur offiziellen Spielzeiteröffnung gabs "Herr der Fliegen" auf der großen Bühne. Keine hohe Kunst, aber eine ambitionierte Arbeit mit Jugendlichen, die sich ein Staatstheater mit kräftigem Zuschuss vom Atlantic Forum mal leisten darf. Es folgten die "echten" Premieren: eine nur mäßige "Hermannsschlacht" und die hervorragende "Pornographie". Die Erfolgskurve zeigt noch nicht steil nach oben, aber man berappelt sich. Das merkt nur keiner.
Das Image-Problem seines Hauses hat Schirmer mit dem kaufmännischen Direktor besprochen. Kurfess rät: "Ruhe bewahren und weitermachen. Der Spielplan steht. Zusammengezählt wird am Schluss." Der Mann hat gut reden, hat er doch vor sechs Jahren auch die Krise mit Stromberg überstanden. Kurfess: "Allerdings steht das Konzept von Friedrich Schirmer auf einer solideren Basis. Tom Stromberg war am Beginn der dritten Saison noch stärker am Suchen."
Doch auch unter Schirmer fehlt dem Schauspielhaus bisher die künstlerische Kraft. Es fehlen Regisseure mit einem klaren Zugriff auf die Stücke, Schauspieler, die einen Abend lang diese riesenhafte Bühne füllen können. Samuel Weiss ist einer der wenigen und Ute Hannig als Medea. Das soll sich ändern. Nach MOPO-Informationen werden die Verträge einiger Schauspieler nach dieser Saison nicht mehr verlängert. Dafür kommen neue - auch im Regiefach.
Krise am Schauspielhaus? Derzeit: nein. Doch aus dem Schneider ist Schirmer nicht. Noch ist nicht sicher, ob sich seine Idee von Theater, seine Schauspieler und seine Regisseure in Hamburg durchsetzen.