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IKEA IN ALTONA

Der kalte Krieg ums Möbelhaus

IKEA

Foto: Volker Schimkus

Selten wurde ein Bauvorhaben so kontrovers diskutiert wie die Ikea-Ansiedlung an der Großen Bergstraße. Am 19. Januar endet ein Bürgerentscheid. Mehr als 52000 Altonaer haben bereits abgestimmt - schon jetzt Rekord! Was spricht für, was gegen den Möbelgiganten: In der MOPO am Sonntag debattieren Anwohner Christoph Twickel (Initiative "Kein Ikea in Altona") und Geschäftsinhaber Heinz Weissteiner (Initiative "Pro Ikea").



MOPO am Sonntag: Das Frappant steht seit Jahren leer. Ist doch super, wenn der alte Klotz wegkommt und ein attraktives Kaufhaus entsteht.



Christian Twickel: Ikea ist kein attraktives Kaufhaus, sondern ein Möbeldiscounter. Das Prinzip von Ikea ist, dass dort sehr viele Leute sehr lange Zeit verbringen und sehr viel Verkehr mitbringen. Das bringt den Menschen hier nicht viel.



Heinz Weissteiner: Da kann ich nicht zustimmen. Ich glaube, dass es ein anderes Ikea-Konzept geben wird als z. B. in Schnelsen. Ich sehe auch keine Alternative. Ikea ist vielleicht nicht die beste Lösung, aber sonst passiert wieder jahrelang nichts. Der Zustand hier ist doch deprimierend.



Twickel: Die Hoffnung auf ein kleines City-Ikea hat Ikea längst abgeschmettert.



MOPO am Sonntag: Aber was wäre Ihre Alternative, Herr Twickel?



Twickel: Der Eigentümer hat das Frappant verwahrlosen lassen und will immer noch mehr als elf Millionen dafür. Wäre das Areal nicht so teuer, könnte man dort mit einem genossenschaftlichen Modell ein soziales und kulturelles Zentrum entwickeln. Mit kleinem Gewerbe und Handwerkern, den Künstlern, Fotografen und Architekten, die dort jetzt arbeiten, mit Clubs, Cafés, Seniorenzentrum oder einem Saal für türkische Hochzeiten. Das ist realistisch, wenn das Gebäude zu einem vernünftigen Preis zu kaufen ist. In dieser Hinsicht muss die Stadt Druck auf den Investor machen.



MOPO am Sonntag: Was würde das den Steuerzahler kosten?



Twickel: Nicht mehr, als Ikea ihn kosten würde.



Weissteiner: Wie? Das sind Träumereien!



Twickel: Derzeit soll Ikea 1,5 Millionen Euro für den Abriss aus dem Topf des Sanierungsgebietes bekommen! Das Geld sollte man in ein Stadtteilzentrum investieren, das Frappant war auch immer mehr als ein Kaufhaus. Sie waren da doch auch drin!



Weissteiner: Ich war sogar der Letzte, der auszog. Ich habe ja nichts gegen Ihr Konzept. Doch das ist mir nicht pragmatisch genug. Außerdem verändert sich doch alles. Keiner weiß, ob Ikea in zehn Jahren für richtig erachtet wird. Aber im Moment ist es nun mal alternativlos. Zudem: Ikea zahlt Steuern und bringt sicher 200 Arbeitsplätze. Und vor allem wird das ganze Viertel belebt.



Twickel: Ich verstehe Ihre Hoffnung. Aber Ikea will nicht das Viertel beleben. Deren Prinzip ist, Menschen zu verschlucken und möglichst lange in ihrem Laden zu halten.



Weissteiner: Lieber ein belebter Klotz als ein toter.



MOPO am Sonntag: Sie werden von Ikea profitieren. Profitieren auch die Bewohner Altonas?



Weissteiner: Sie glauben nicht, wie froh hier alle sind. Die Leute lieben Ikea!



Twickel: Ikea ist so erfolgreich, weil es Kleine verdrängt. Die Erfahrung haben Sie hier doch gemacht: Als das Mercado und der Toom-Markt eröffneten, war das Schicksal der Großen Bergstraße besiegelt.



MOPO am Sonntag: Die Gegner warnen vor Verkehrschaos und großen Plänen inklusive Autobahnzubringer durch Altona. Ihre Initiative sagt: Die lügen.



Weissteiner: Das ist nur Panikmache. Die Zeiten haben sich geändert. Ich fahre doch auch ein kleines Auto. Und der Versand hat stark zugenommen. Klar ist aber auch, dass hier Welten aufeinanderprallen. Wir brauchen für unsere Geschäfte halt Publikum. Und das ist hier als Gewerbegebiet ausgewiesen. Die Frage ist doch, wie sich Ikea auf die spezielle Situation einstellt.



Twickel: Das ist genau das Problem. Sicher ist: Ikea will hier einen Abholmarkt mit Vollsortiment, weil die Kapazität der anderen Märkte erschöpft ist. Das heißt: Die Leute fahren mit dem Auto hin und laden die Sachen ein, um sie zu Hause sofort aufzubauen.



MOPO am Sonntag: Die Eppendorfer und Eimsbüttler können auch mit Bus und Bahn kommen, anstatt im Stau zu stehen.



Twickel: Und dann tragen sie ihr Billy-Regal auf dem Rücken nach Hause? Das will ich sehen. Die Annahme, dass 50 Prozent der Kunden mit Bus und Bahn kommen, ist völlig aus der Luft gegriffen.



Weissteiner: Sie vergessen: Ikea ist Kauf- und nicht nur Möbelhaus. Wenn man durch das ganze Haus laufen muss wie in Schnelsen, um einen Topf zu kaufen, wäre das völlig falsch. Da ginge ja keiner hin.



Twickel: Mit dieser Forderung hätten Sie ja mal an Ikea herantreten können. Stattdessen machen Sie eine Initiative, die die Entscheidung, was dort passiert, allein Ikea überlässt. Die wollten ja eigentlich einen Standort in Autobahn-Nähe, zum Beispiel im Othmarschen-Park. Die Bezirksregierung hat sie dann hierher gelockt, um ein Argument zu haben, später die lange gewünschte Nord-Süd-Trasse vierspurig durch Altona zu ziehen.



Weissteiner: Die brauchen doch Ikea nicht als Ausrede, um eine große Straße zu bauen. Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie gemacht haben. Aber ich bin entsetzt, dass Sie so wenig Vertrauen haben.



MOPO am Sonntag: Braucht Altona überhaupt mehr Einkaufsmöglichkeiten?



Weissteiner: Klar stellt sich die Frage, wie viele Shoppingcenter das hier verträgt. Aber Ikea ist ja was anderes und damit eine Ergänzung.



Twickel: Altona hat kein Shopping-Problem. Und Ikea hat eine globale Strategie, die wollen keine Stadtteilpolitik machen. Dehalb sollte man sich für etwas Besseres einsetzen. Zudem würden die Mieten für die ganzen kleinen Läden stark anziehen.



Weissteiner: Ich kann nichts Negatives an der Aufwertung eines Viertels finden. Ich kann die Miete nur bezahlen, wenn ich auch Kunden habe. Ich glaube eher, dass Sie Angst vor Großkonzernen haben.



Twickel: Genügend Studien zeigen, dass der Siegeszug der Großen auf Kosten der Kleinen vor Ort geht. Ich glaube, Sie haben sich da zu wenig Gedanken drüber gemacht, und hoffe, dass Sie dafür nicht büßen müssen.



Weissteiner: Wir haben die Gründung des Mercados und die Krise der Großen Bergstraße überlebt. Wir kommen schon klar.

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Datum:  10.1.2010
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