Die Nerven sind freigelegt. Beim kleinsten Impuls besteht Explosionsgefahr. Die Frustrationstoleranz bei allen HSV-Angestellten ist gering - sehr gering. Das gilt insbesondere auch für den Trainer. Gestern legte er sich mit aufgebrachten Trainingszuschauern an. Die Souveränität, die er auszustrahlen versucht, wirkt künstlich - verständlich. Denn es geht nichts mehr. Der Treueschwur des Vorstands rettet den Job des Trainers bis zum Ende des Spiels in Aachen. In der Winterpause wird der Verein handeln. Doll hat die schlimmste Krise der Vereinsgeschichte nicht ins Rollen gebracht - aber er kriegt sie nicht mehr in den Griff. Das Doll-Dilemma:
Wenn ein Trainer es nicht schafft, einen Kader dieser (vermeintlichen) Qualität im gesicherten Mittelfeld der Liga zu etablieren oder zumindest über dem Strich zu halten, dann ist er ein Teil des Problems.
Wenn ein Trainer das Vertrauen gestandener Kräfte (Jarolim, Wicky, Wächter, Mahdavikia, Lauth) dadurch aufs Spiel setzt, dass er mit zweierlei Maß misst (Wächter wurde für öffentliche Äußerungen abgestraft, de Jong nicht. Ljuboja, Sanogo, Guerrero präsentieren sich seit Wochen in einem erschütternden Zustand, aber nur Lauth fliegt ständig aus dem Kader), dann ist er Teil des Problems.
Wenn ein Trainer es nicht schafft, einen Spieler wie Trochowski dahinzubringen, dass er abruft, was in ihm steckt, dann ist er Teil des Problems.
Wenn ein Trainer es nicht schafft, seine Spieler (Ljuboja in London, Sanogo in Bochum) bei einer Einwechslung so zu briefen, dass alle - oder zumindest erstmal der Eingewechselte - wissen, was sie zu tun haben, dann ist er Teil des Problems.
Wenn ein Trainer durchgehen lässt, dass ein Spieler wie de Jong seine "Scheißegal-Mentalität" dadurch öffentlich zur Schau trägt, dass er wochenlang im heimatlichen Holland verweilt, statt seine Verletzung in Hamburg (dort, wo er sein Geld verdient) auszukurieren, dann ist er Teil des Problems.
Wenn ein Trainer immer sagt, dass er ganz genau hinschauen wird, wer durch Einsatz und Herzblut klarmacht, dass er sich für den HSV zerreißt und trotzdem einen Hamburger Jung wie Alex Laas oder ein "Kampfschwein" wie Besart Berisha ignoriert, dann ist er Teil des Problems.
Wenn ein Trainer der einzige HSVer ist, mit dem sich Teile der Fans noch identifizieren, dann ist das zwar in der Hauptsache ein Problem der Mannschaft -°doch wer im Kalenderjahr 2006 eine Bilanz von 43 Punkten in 42 Spielen vorzuweisen und den Liga-Dino auf einem Abstiegsplatz zementiert hat, macht überdeutlich, dass er nicht mehr der richtige Mann am richtigen Platz ist. Doll kann die vielen Probleme des Vereins nicht mehr lösen - und damit ist er selbst zum Problem geworden.