Zwei Mal Brecht - zwei Theaterwelten, die dazwischen liegen: neulich "Der gute Mensch von Sezuan" im Schauspielhaus und nun "Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Thalia Theater. Neulich ein langweilig abgespielter Text. Und nun ein verdichtetes eindringliches Drama. Michael Thalheimer hat es inszeniert - mit einem hinreißenden Norman Hacker als Puntila.
Die Inszenierung beginnt im Dunkeln. Selbst die Notleuchten sind ausgeschaltet. Langsam fährt das Licht hoch. Aus dem Schwarz schält sich Hackers Puntila. Dazu dröhnt Richard Strauss' "Alpensinfonie". Ein starker Auftakt.
Der Raum von Henrik Ahr: ein Winkel auf einer Drehbühne. Hier präsentiert Thalheimer seine Charakterstudie. Denn ihn interessiert weniger der Klassenkampf zwischen dem Gutsbesitzer und seinem Chauffeur Matti, sondern mehr die zwei Seiten in einem Menschen. Brecht beschreibt sie mit zwei Zuständen: Puntila besoffen und nüchtern. Bei Thalheimer kullert nicht eine Flasche über die Bühne. Hier gehts nicht ums Saufen, sondern um die Zerrissenheit des Puntila.
Hacker spielt ihn in einer unwiderstehlichen Mischung aus Arschloch und Charmebolzen. Man hasst und liebt ihn. Wie ein großer Junge greift er ins Leben hinein, greift sich die Frauen und den Matti, weil er einen Menschen braucht. Den spielt Andreas Döhler. Er schlägt sich tapfer - ebenso wie Katrin Wichmann als Puntilas Tochter Eva. Aber eigentlich gehört der Abend nur einem: Norman Hacker.
Sein Puntila ist nicht nur Herr auf dem Gut, sondern der Macher in Puntila-Land. Und Hacker ist der Herr über den Verfolger. Das Spotlicht wandert mit ihm über die Bühne, setzt Matti nach Puntilas Belieben ins Licht oder in den Schatten. Ein Zitat aus einem anderen Brecht-Werk - der "Dreigroschenoper": "Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Es ist eine hohe Kunst, eine Geschichte mit wenigen Mitteln auf den Punkt zu bringen - Thalheimer beherrscht sie.