Armut, bei diesem Begriff könnte man zum Beispiel an Afrika denken. Helga Sommer (52, Name geändert) denkt bei diesem Wort an sich. Und zwar daran, dass sie ihrem Sohn keinen Besuch im Schwimmbad bezahlen kann. Daran, dass für neue Kleidung kein Geld da ist. Daran, dass Fleisch zum Mittagessen meist zu teuer ist. Helga Sommer kommt kaum über die Runden - dabei hat sie einen Vollzeitjob.
Armut in Hamburg, das sind viele Zahlen. Etwa 200000 Hamburger leben von Arbeitslosengeld II ("Hartz IV"), darunter 50000 Kinder. 12000 Hamburger bekommen Wohngeld. 23000 Hamburger erhalten Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung. Etwa 2500 Bezieher von Arbeitslosengeld I erhalten Zuschüsse. Und: etwa 30000 berufstätigen Hamburgern zahlt die für Hartz IV zuständige ARGE ergänzendes Geld zum Lebensunterhalt - vor drei Jahren waren es nur 13000.
"Dass ich trotz eines Vollzeitjobs mal auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werde, hätte ich mir nie träumen lassen", sagt Helga Sommer. Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihrem Sohn (12) am östlichen Rande Hamburgs. Sie ist bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt und verdient dort etwa 850 Euro netto. Allein Miete und Heizung verschlingen schon mehr als die Hälfte davon.
Viel bleibt für zwei Personen nicht mehr. Wenigstens bekommt Helga Sommer 60 Euro Wohngeld. "Das hilft ein bisschen", sagt sie. Die Mutter schuftet als Lagerarbeiterin und kommt abends mit schmerzendem Rücken nach Hause. "Dass viele Menschen so wenig verdienen, liegt an der Profitgier der Unternehmen", schimpft sie.
Warum Hamburger trotz eines Jobs nicht zurechtkommen? "Weil Arbeitnehmer heute auf betriebswirtschaftliche Kostenfaktoren reduziert werden und Unternehmer und Manager den Hals nicht voll bekommen", sagt Wolfgang Rose, Chef der Gewerkschaft Ver.di. Die Löhne müssen Schritt halten mit den Produktivitäts- und Preissteigerungen, fordert der Gewerkschafter. Außerdem müsse die Politik endlich den gesetzlichen Mindestlohn beschließen.
Ein Leben ohne Geldsorgen, Helga Sommer kann sich gut daran erinnern. Sie ist Gastronomiefachfrau, leitete Kantinen. Doch nach der Schwangerschaft mit 40 Jahren wurde es schwierig. Hartz IV und Zeitverträge wechselten sich ab. Vor einem Jahr meldete sie sich bei der Zeitarbeit. "Ich wusste, dass ich wenig verdienen würde. Aber ich wollte eine Aufgabe haben", sagt sie.
Helga Sommer knapst mit dem wenigen Geld, so gut es eben geht. Für ihren Sohn tut es ihr leid. "Er ist traurig, dass ich ihm kein Kino oder Schwimmbad bezahlen kann. Und das macht mich wiederum traurig", sagt sie. Noch nicht einmal für das Schulessen reicht es.
Mit ihrem Schicksal hat sie sich abgefunden. "Ich finde in meinem Alter eh nichts mehr", sagt Helga Sommer resigniert. Könnte sie sich ein Gehalt aussuchen, es wären 1200 Euro netto. Das würde für sie und ihren Sohn schon reichen.