Die erste Enttäuschung gab's beim Blick ins Programmheft: Zweidreiviertel Stunden sollte der "Hamlet" im Thalia Theater dauern - und das bei einer Inszenierung von Michael Thalheimer! Der Minimalist, der Klassiker gern in 75 Minuten abfertigt, ließ sich mit dem Shakespeare-Stück Zeit. Und so kam die zweite Enttäuschung nach knapp drei Stunden: Diese Inszenierung ist zu sehr gedacht und zu wenig gefühlt.
Bei Thalheimer ist nicht nur der Rest, sondern auch der Anfang Schweigen: Die sechs Hauptfiguren sitzen auf einem Podest (Bühne: Henrik Ahr) dicht an der Rampe. Hocken da und sagen nichts. Eine Besichtigung der Personage - unterbrochen nur vom nervösen Husten der Zuschauer. Am Ende werden sie wieder so dasitzen, nachdem sie alle gestorben sind. Was dazwischen gezeigt wird, ist also eine Art Totentanz.
Doch was wir sehen, ist vor allem eine Zurschaustellung der Figuren. Die nutzen das Podest als ihre Plattform. Hans Löw in der Titelrolle schlackst dort entlang und berichtet uns vom Tod seines Vaters und der erneuten Heirat seiner Mutter Gertrud (Victoria Trauttmansdorff). Nun sitzt sein Stiefvater und Onkel Claudius (Felix Knopp) dort, wo eigentlich Hamlet hingehörte: auf dem Thron von Dänemark.
Der Geist von Hamlets Papa (Markus Graf) erscheint nackt, mit Helm und Schwert. Derselbe Schauspieler trägt am Ende Anzug. Dann spielt er den Fortinbras, König von Norwegen, Nachfolger von Hamlets Vater. Es gibt viele solcher Szenen, hinter denen so sichtbar ein Regieeinfall steht, dass sie einem langweilig werden.
Andere sind einfach nur banal. So darf Paula Dombrowski als Ophelia in ihrer "Wahnsinnsszene" vor allem schreien und dann Herzchen-Ballons in den Bühnenhimmel schicken. Was das soll, ist so unklar wie die Schlussszene: Hamlet und Ophelias Bruder Laertes (Jörg Koslowsky) duellieren sich. Die Degen kreuzen sich wie im Comic. Entsprechend lustig sterben die Jungs. Comichafte Elemente nutzt auch Norman Hacker als Polonius, Ophelias Vater. Thalheimer macht ihn zur Hauptfigur. So wird aus dem kleinen Hofbeamten ein sich windender Strippenzieher, der seine Tochter mit Hamlet reich verheiraten will und eine Katastrophe auslöst.
Der Zeitbezug fehlt in dieser rein formalen Inszenierung völlig. Die Frage, warum Thalheimer das Shakespeare-Stück heute inszeniert, bleibt er schuldig. Einem Regie-Studenten würde man dafür ein dickes Minus ins Zeugnis schreiben. Bei einem Regie-Star wie Thalheimer bleibt uns nur die Enttäuschung.