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HAMBURGS GRÖSSTE MORDFÄLLE FOLGE 5

Das Blutbad im Präsidium

Eines muss man ihm lassen: Seine Verbrechen, allen voran sein beispielloser Abgang, erschütterten ganz Deutschland. Die Nachricht von Werner "Mucki" Pinzners Amoklauf im Polizeipräsidium ging sogar um die Welt. Denn so einen Fall hatte es noch nie gegeben: Am 29. Juli 1986 erschießt der St. Pauli-Killer im Präsidium einen Staatsanwalt, seine Ehefrau und sich selbst.



Pinzners Leben beginnt in Bramfeld. 1947 wird er als Sohn eines Mechanikers und einer Verkäuferin geboren. Die Schule bricht er ab. Pinzner, der bald den Spitznamen "Mucki" weghat, versucht sich als Seemann, Schlachter, Gerüstbauer und Soldat. Schnell findet er heraus: Ehrliche Arbeit ist nichts für ihn. Immer wieder fällt "Mucki" wegen Körperverletzung und Diebstahl auf.



Dann, am 29. August 1975, ist Schluss mit dem Leben als Kleinkrimineller. Pinzner dreht sein erstes großes Ding: Mit zwei Komplizen überfällt er einen Supermarkt in Billstedt. Geschäftsführer Paul L. (50) wird erschossen, das Trio gefasst und Pinzner zu zehn Jahren Haft verurteilt.



Während "Mucki" in Santa Fu Gefallen an Kokain und Heroin findet, ändern sich auf St. Pauli, Pinzners späterem Arbeitsplatz, die Zeiten.



Die Angst vor einer neuen Krankheit namens Aids geht um. Die Freier bleiben aus, die Konkurrenz unter den Zuhältern ist groß. Ausgerechnet ein Österreicher sieht in der Kiez-Krise seine Chance: Josef Peter Nusser, wegen seines Akzents auch "Wiener Peter" genannt. Der Ex-Kellner mit der Schwäche für Schmuck und Pelzmäntel hat viel vor auf dem Kiez. Trotz seiner zurückhaltenden, viele sagen schüchternen Art schaffen bald sechs Frauen für ihn an.



Über Umwege lernen sich "Mucki" - mittlerweile im offenen Vollzug - und "Wiener Peter" 1984 kennen. Eine Begegnung, die fünf Hamburger Luden das Leben kosten wird. Nusser, beeindruckt von Pinzners Kaltschnäuzigkeit, versteht es, den orientierungslosen Noch-Knacki für seine Zwecke zu instrumentalisieren.



Jehoda Arzi (65), ein Zuhälter aus Kiel, der sich im Hamburger Milieu breitmachen will, ist Nusser ein Dorn im Auge. Er bittet Pinzner, der immer öfter Freigang bekommt, dem Eindringling einen Denkzettel zu verpassen. Ein abgehackter Finger oder so. "Mucki" findet die Idee gut, das Strafmaß aber zu lasch: "Ich knall ihn weg!" Gesagt, getan. Die Kugel aus Pinzners "Arminius"-Revolver trifft Arzi am 7. Juli 1984 direkt ins Herz. Von seinem Lohn, 20000 Mark, kauft sich "Mucki" Koks. 50 Gramm. Er braucht den "Schnee", er macht ihn hemmungslos.



Bereits im September muss Peter "Bayern-Peter" Pfeilmaier (32) dran glauben. Er gilt wegen seines Kokain-Konsums als Risikofaktor für Nusser. Pinzner erschießt ihn in seinem Pontiac Firebird. Im November folgt Dietmar "Lackschuh-Dieter" Traub (37). Der Unterweltler hatte sich mit Nusser um 100000 Mark gestritten. "Mucki" kassiert erneut 20000 Mark und geht in die Winterpause.



Werner Pinzner hat sich bewährt. Loyal und skrupellos. Der Mann fürs Grobe. Im Urlaub auf Ibiza prahlt Nusser mit seinem Mordbuben: "Das ist mein Killer vom Dienst.". Alle lachen. Doch es war kein Witz.



Ostern 1985 geht das Morden weiter: Waldemar Dammer (31, "Neger Waldi") hatte Nusser im "Palais d'Amour" verprügelt - sein Todesurteil. Pinzner und sein Kollege "Siggi" T. (30) besuchen Dammer in dessen Haus in Schnelsen und erschießen ihn. Ralf Kühne (27, "Corvetten-Ralf") ist zufällig bei Dammer zu Besuch. "Mucki" und "Siggi" legen ihn ebenfalls um. Sicherheitshalber.



Auf dem Kiez ist es mittlerweile ehernes Gesetz: Wer sich mit "Wiener Peter" anlegt, ist so gut wie tot. Dennoch: Pinzner wird für Nusser zum Risiko. Er kokst zu viel. Nusser will ihn loswerden, "Hunde-Helmut" soll ihn ersetzen. Aber die Polizei kommt ihm zuvor: Am 15. April 1986 wird Pinzner festgenommen. Auch Nusser wird geschnappt.



Am 29. Juli 1986 folgt das "Grande Finale", oder wie "Mucki" es nannte, der "Exitus triumphalis": Pinzner wird zu einer letzten Vernehmung ins Polizeipräsidium am Berliner Tor gefahren. Einem Beamten erzählt er: "Ihr solltet darüber froh sein, dass ich euch die Arbeit abgenommen, diesen Abschaum weggemacht habe. Müsste eigentlich einen Orden dafür kriegen."



In Zimmer 418 soll Pinzner vernommen werden. Staatsanwalt Wolfgang Bistry (40) eröffnet das Gespräch: "Herr Pinzner, schießen Sie mal los." Pinzner nimmt den Juristen beim Wort und jagt ihm zwei Kugeln in den Leib. "Muckis" Frau Jutta (39), bei der Vernehmung ebenfalls anwesend, hatte den Revolver ins Präsidium geschmuggelt. Wie vorher besprochen, kniet Jutta nieder, Werner schiebt ihr den Lauf in den Mund und drückt ab. Dann setzt er sich daneben und jagt sich eine Kugel ins Gehirn.



Bei ihrer Beerdigung auf einem Lübecker Friedhof knarzt Trauermusik aus dem Kasettenrekorder: "In the Ghetto" von Elvis Presley.



Der Mann, der Pinzners Talent zum Töten erkannt und eiskalt ausnutzt hat, ist übrigens wieder auf freiem Fuß. 2001 wurde der heute 58-jährige Josef Peter Nusser nach 15 Jahren Haft entlassen. Er lebt unter anderem Namen in Österreich.

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Datum:  17.5.2009
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