Hamburgs dienstältester Strafrichter geht in den Ruhestand: Henning Haage (64) hat 31 Jahre lang als Amtsrichter über Betrüger und Bigamisten, Schläger und Schwarzfahrer, all die großen und kleinen Sünder geurteilt. Uneitel, bisweilen leicht exzentrisch, immer menschlich. Nun legt er den "Schwarzkittel" für immer ab.
Wer als Angeklagter vor Henning Haages Richtertisch saß, der musste auch mal Fragen beantworten, die mit dem Vergehen erst mal nicht so viel zu tun hatten. Die den Richter aber interessierten. Etwa warum der Angeklagte, Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts, kein TBone-Steak im Angebot hat. Oder was ein anderer Angeklagter, Anstreicher und Lackierer, von dem Maler Emil Nolde hält. Jammerte ein Betrüger über seine kostspielige Ehefrau, zitierte der Richter gern auch mal spontan Tucholsky ("Und darum wird beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt"). Verteidiger bereiteten ihre Mandanten behutsam auf die etwas andere Verhandlungsführung vor.
Rapper Moses P., der Stefan Raab verprügelt hatte, musste sich die Frage gefallen lassen, warum er den Streit nicht einfach in einen Rap umgedichtet hat, statt zu hauen. Die erste Zeile hatte Haage auch gleich parat: "Ey, Alter, hör mal zu hier - so was in der Art." Ja, es wehte gelegentlich ein Hauch von Kabarett durch den Gerichtssaal.
"Man muss in der Sprache der Angeklagten mit ihnen sprechen", sagt Haage. Und wenn jemand Murks gemacht hat, dann sagte er dem: "Das war Murks." Sehr kummervoll konnte er dabei die Stirn in Falten legen, besonders wenn ein junger Mensch ohne Ausbildung vor ihm saß. "Ihre Mutter hat's auch nicht leicht mit Ihnen, was?", sagte er dann, bevor er seufzend nach dem Formular fürs Urteil griff. Bei schwierigen Fällen rieb er die Nasenwurzel, murmelte: "Absolute Ruhe, das Gericht denkt nach."
Er sprach keine knallharten Urteile, aber auch keine weich gespülten. Die Sorge, falsch zu urteilen, die den jungen Haage vor Amtsantritt mal drückte, fiel auf dem Richterstuhl ab: "Wenn man immer das Beste gibt, dann belastet die Verantwortung nicht." Wenn ihm einer dumm kam, konnte er aber auch streng werden. Die "Imperatorpose einnehmen", nennt er das.
"Es geht darum, die Würde des Angeklagten zu wahren", sagt der Juristensohn, der schon als Abiturient den Berufswunsch "Amtsrichter" angab. "Die Majestät des weisen Richters und die Pirouetten des Verteidigers, ach, das ist doch alles unwichtig."
Was nun kommt? Die Kunst. Blechmusik und Malerei. Erst mal drei Tage Paris, zur Ausstellung des Malers Gustave Courbet. Und Heiligabend, wie immer, Weihnachtsmusik mit dem Bläserquartett am Hauptbahnhof. Henning Haage bläst das Horn.