Bei der Weltpremiere des Musicals "Sweeney Todd" im März 1979 am Broadway blieb dem Publikum der Mund offen stehen. Denn so etwas hatte es auf der Bühne noch nie gegeben: ein bluttriefendes Horror-Grusical mit atemberaubender Musik und rabenschwarzem Humor. Die Kritiker überschlugen sich mit Superlativen über Stephen Sondheims geniale Doppelbegabung - er schrieb nicht nur die hoch komplexe und zutiefst emotionale Musik, sondern auch die spritzigen Songtexte. Sein epochaler Musical-Thriller basiert auf einem alten Schauermärchen über einen Serienmörder im London des 18. Jahrhunderts.
Ein Glücksfall, dass sich nun ausgerechnet Tim Burton ("Sleepy Hollow"), der Meister des Makabren, an die Verfilmung dieses Melodrams machte. Er erzählt die Geschichte des Barbiers Benjamin Barker (Johnny Depp), der von dem skrupellosen Richter Turpin (Alan Rickman) unschuldig zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. Unter dem Namen Sweeney Todd kehrt er nach London zurück und schwört Rache an Turpin, der Barkers Frau vergewaltigte und sich nun an seine Tochter ranmachen will. Als Sweeney von seinem schmierigen Friseur-Rivalen Pirelli (Sacha Baron Cohen) erpresst wird, verpasst er ihm eine blutige finale Rasur - der Beginn einer Mordserie, bei der die Leichen von Sweeneys findiger Komplizin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) zu schmackhaften Fleischpasteten verarbeitet werden.
Johnny Depp überrascht als besessener Racheengel mit einer schönen Gesangsstimme: Er singt sehr gefühlvoll, sehr bewegend, sehr sinnlich und sorgt immer wieder für Gänsehaut. Grandios auch Helena Bonham Carter als quirlig-rotzige Bäckerin, die sich in Sweeney verliebt, sowie Alan Rickman, der mit minimalen mimischen Mitteln und verführerischer Arroganz den Fiesling gibt. Und "Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen hat als eitler Italiener mit absurdem Akzent einen hinreißend witzigen Auftritt.
Dank des düsteren Setdesigns und der entsättigten Farben wähnt man sich fast in einem Schwarzweiß-Film - wären da nicht einige gezielte Farbtupfer in Rot. Denn es fließt Blut. Viel Blut: Burton hat den Mut, das Schauermärchen konsequent zu surrealem Splatter zu stilisieren. Seine Inszenierung hat sich wirklich gewaschen, pardon, rasiert: Bei ihm bilden Musik und Bilder eine wunderbare Synthese - das Rachedrama ist optisch und akustisch gleichermaßen packend, entwickelt eine geradezu Shakespeare'sche Wucht und lässt auch die Herzen der Zuschauer bluten. So gelingt ihm die beste Musicalverfilmung seit langem: ein echter Leckerbissen für Freunde grotesken Grusels.
Fazit: Mord, Musik und Melodram: Tim Burtons umwerfende Verfilmung des legendären Grusical-Thrillers ist ein makabres, morbides, magisches Meisterwerk.