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Empfehlen | Drucken | Kontakt Datum: 2.11.2009

GASTKOMMENTAR: "Bloß nicht futterneidisch werden"

"Wenn sich der Rauch der gegenwärtigen Debatten um Kultur und Bildung verzogen hat, wird man - trotz unbestreitbarer großer finanzieller und struktureller Probleme - überraschenderweise doch auch feststellen müssen: Ein Land, in dem diese Debatte in dieser Breite mit solch einer Intensität geführt wird, steht so schlecht nicht da!



Warum? In einer Zeit, wo es viele Verteilungskämpfe um das knappe Geld gibt, setzt sich in der öffentlichen Meinung, bei den Bürgern und offenbar auch bei Politikern die Erkenntnis durch, dass man an vielem sparen kann, nur ausgerechnet nicht bei den ehemals "weichen" Themen, nicht bei Bildung und Kultur. Sie sind nämlich unversehens zu "harten" Themen geworden, zu Essentials statt Beiwerk. Zu Kernpunkten einer Bürgerkultur.



Die Anzeichen dafür, dass dies so sein könnte, sind stark in Hamburg, aber nicht nur dort: In den großen überregionalen Zeitungen sind beinahe täglich Debatten um den unverzichtbaren Stellenwert von Kultur zu lesen, in Hamburg ist das ähnlich, und auch die Bürger verteidigen Kultur: vom Gängeviertel, wo Tausende friedlich mit Lichterketten stehen, bis zur Elbphilharmonie, die trotz Kostensteigerungen zumindest aus der Schusslinie gerät und bald positiv besetzt sein könnte: von der Subkultur bis zur High-Class-Kultur könnte es eine allumfassende Umarmung geben. Anders als früher gelegentlich üblich sind Kultur und Bildung nicht Gegenstand lobbyistischer Protestschreie, nein, die Bewegung ist breit.



Mehr noch: Die Vitalität, mit der viele da zu Werke gehen, ist selbst ein unverzichtbarer Bestandteil von lebendiger Bürgerkultur, wie man sie sich wünscht. Auseinandersetzungsstark, aber nicht feindlich. So könnten die Gemeinwesen in Hamburg, Köln, Berlin oder anderswo wieder zusammenwachsen und sich Bereiche zurückerobern, die sie verloren glaubten. Das Einzige, was nicht passieren darf, ist, dass man gegenseitig futterneidisch wird: Natürlich ist es gut, Kulturinitiativen in Wilhelmsburg ebenso zu stützen wie das Gängeviertel, die Elbphilharmonie wie die Staatstheater, das Hamburger Theaterfestival wie die Clubszene oder Kampnagel - das ist alles gut und je mehr es davon gibt, umso besser.



Die Bewahrung, Steigerung und Ausweitung von Kultur und Bildung wären das Ziel, sodass die Politik die Errungenschaften ihrer städtischen Einrichtungen mit Stolz vor der Brust tragen kann. Der Bund bewahrt und steigert die Etats von Kultur und Bildung, er könnte helfen, dass dies auch den Kommunen gelingt.



Aber es geht auch um die weitere Vitalisierung von Museen, Opern, Theatern und Subkultur durch die Bürger, die nicht unbedingt nur durch Lichterketten, sondern durch aktive Teilnahme zeigen, wie wichtig und unverzichtbar ihnen ihre Institutionen sind. Aber auch die Zeitungen - auch die, die Sie gerade lesen! - könnten, wenn sie es ernst meinen, in ihrem Alltagsgeschäft (und nicht nur wenn der Hut brennt) der Kultur und der Bildung den Stellenwert einräumen, der ihnen zusteht. Wenn dies gelänge, könnte man mit Recht sagen: Deutschland geht es gut, weil hier der Kern von Zivilisation, nämlich Kultur und Bildung, einen großen Stellenwert hat ...



Lassen wir uns vom Mut der Politiker, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, überraschen."

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