Kilian Kirchhoff staunt Bauklötze, als Dino Olivier (28) vom Eiscafé Olivier den riesigen "Spitzenreiter-Becher" (Sahne, Waldmeister) serviert. Der Sechsjährige sitzt mit Mama Heike (46) in voller Fan-Montur in der Wolfsburger Innenstadt. Die Sonne strahlt vom Himmel, als wolle sie den großen Tag höchstpersönlich ankündigen. Wolfsburg auf Wolke 7! Schon ein Remis reicht dem VfL im Heimspiel gegen Werder Bremen, um den Meistertitel in den Osten Niedersachsens zu holen. Doch wirklich euphorisch wollen die gut 120000 Einwohner noch nicht werden.
"Es fehlt hier noch an einigem", weiß Olivier und ergänzt mit einem Blick auf den kleinen Kilian: "Aber heute werden die Fans von morgen gefangen." Die von gestern sind den "Wölfen" durch die Lappen gegangen.
Das ist auch nicht verwunderlich wenn man weiß, dass es die Stadt erst seit dem 25. Mai 1945 gibt. Sieben Jahre zuvor hatte Adolf Hitler mit der Grundsteinlegung des Volkswagenwerkes dafür gesorgt, dass unter dem Namen "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" in Windeseile rund um das Werk herum Betonbehausungen aus dem Boden gestampft wurden. Zu der Zeit hatten benachbarte Klubs wie Eintracht Braunschweig oder Hannover 96 längst erste Erfolge gefeiert. Und die fehlende Tradition macht es Stadt wie Klub bis heute nicht einfach, die Herzen der Menschen zu erobern.
"Aber es passiert was", sagt Jessica Schmidt (29), die sich soeben mit Fan-Utensilien ausstaffiert hat. "Man unterhält sich über den VfL, kommt so auch mit fremden Leuten ins Gespräch." Während Sohnemann Matthias (8) noch kein Faible für Fußball entwickelt hat ("Nee, nich so"), rüstet sich die Mama für die Meisterschaftsfeier. "Klar will ich dabei sein", meint sie. "Das Stadion ist ja ausverkauft, aber die Party lasse ich mir nicht nehmen."
Steigen soll das Fest in der Fußgängerzone, die auch zu Zeiten des Übernahme-Zoffs Porschestraße heißen darf. Dort, direkt vor dem Rathaus, herrscht reges Treiben, eine große Bühne wird aufgebaut. Allerdings nicht für die Meisterfeier, sondern für Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin hat sich für den Abend angekündigt.
In 50 Metern Entfernung sitzen einige Rentner und schauen dem Treiben der Arbeiter zu. Gerhard Köhler (65) ist einer von ihnen, seit 1969 lebt er in Wolfsburg. "Aber ich bin HSV-Fan", gibt er energisch zu verstehen. Mit dem VfL könne er nicht viel anfangen, zumal der eventuelle Titelgewinn seiner Meinung nach nicht ganz koscher entstanden sei. "Die sind doch im DFB-Pokal und UEFA-Cup früh raus, haben viele Spiele weniger machen müssen als Hamburg", schimpft er. An der Meisterfeier würde er nicht teilhaben wollen, "außerdem fahre ich Sonntagmorgen um 4 Uhr in Urlaub". Auch Heinz Hoffmann (67) mag nicht so recht überschwänglich werden. "Ich gucke mir die Party kurz an, dann fahr' ich wieder nach Hause", sagt er. Sein Nachbar Kurt Haase (75) hingegen freut sich bereits "mächtig auf das Freibier, denn zu feiern gibt's auf jeden Fall was." Ab und an, erklärt er, gehe er auch ins Stadion, ansonsten verfolge er die VfL-Spiele via Videotext.
Die Einstellung der älteren Herren ist durchaus repräsentativ. Mit der Identifikation ist es überschaubar in der Stadt, die bei Weitem nicht so abstoßend daherkommt, wie es Ex-HSV-Profi Valdas Ivanauskas einst meinte und deshalb einen Wechsel zum VfL platzen ließ. Einzig Westhagen, eine Steilshoop-ähnliche Ode an die hohe Kunst des Städtebaus, löst irgendwie bedrückende Gefühle aus. Hier buffen die Kids auf eingezäunten Bolzplätzen mit Hartgummi-Belag. Sie tragen Trikots von Manchester United, dem FC Barcelona oder Werder Bremen. Auf dem Schützenfest am Allerpark, nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt, flattern auf den Dächern der Ramsch-Buden Fahnen vom HSV, den Bayern und halt Wolfsburg in trauter Einigkeit im lauen Frühlingswind.
Auch in der City muss man man sich die Titel-Vorfreude dazu denken. Ab und an eine Flagge im Vorgarten, eine Fahne am Balkon, ein Fähnchen am Auto. Unaufgeregt döst Wolfsburg seinem sportlichen Höhepunkt entgegen. Das soll anders werden. In Zukunft und morgen sowieso. "Natürlich gehen wir in die Stadt, da muss man doch dabei sein", sagt Heike Kirchhoff und erhält dabei lautstarke Unterstützung von Spross Kilian, der noch mal einen bewundernden Blick gen "Spitzenreiter-Becher" am Nebentisch riskiert. "Der läuft übrigens super", erklärt Erfinder Dino Olivier lachend. Ab Sonntag würde er sein Portfolio gern ergänzen. Mit dem Meisterbecher.