Die Vorstellung ist widerlich, der Vorwurf unfassbar: Mitarbeiter des Krematoriums Öjendorf haben sich – wohl schon seit Jahren – am Zahngold Verstorbener bereichert. Zähne wurden rausgebrochen, Ringe mit Seitenschneidern vom Finger geschnitten, die Asche nach Edelmetall durchsucht, erzählt ein MOPO-Informant. Er schätzt, dass die Leichenfledderei pro Jahr einen Gewinn von 40.000 Euro abgeworfen hat.
Was der MOPO-Informant berichtet (siehe Link) beschäftigt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen schweren Bandendiebstahls, so Sprecher Wilhelm Möllers. Am Freitag vergangener Woche gegen 16 Uhr hatten die Ermittler zugeschlagen, das Krematorium und vor allem die Spinde der Belegschaft durchsucht. "Was dabei gefunden wurde", so Lutz Rehkopf, Sprecher der Hamburger Friedhöfe AöR, "darf ich nicht sagen, es hat aber den Verdacht gegen die Kollegen erhärtet." Neun langjährige Mitarbeiter des Krematoriums wurden suspendiert.
Dass es Unregelmäßigkeiten gegeben haben muss, ist der Geschäftsleitung der Hamburger Friedhöfe schon vor Längerem aufgefallen. Knapp 13.000 Tote werden im Öjendorfer Krematorium alljährlich verbrannt, aber die ordnungsgemäß abgelieferten Mengen an Edelmetallrückständen aus der Einäscherung seien immer geringer geworden. Einzige Erklärung: Da zweigt jemand etwas ab! Dies ist laut Betriebsanordnung streng verboten.
Wem gehört eigentlich das Zahngold und der Schmuck der Toten? "Es gibt zwei Möglichkeiten", so Rehkopf. "Entweder die Angehörigen erheben darauf vor der Einäscherung ausdrücklich Anspruch. Dann müssen sie einen Zahnarzt schicken, der das Zahngold entfernt. Tun sie das aber nicht und wird der Leichnam mitsamt Zahngold und Schmuck eingeäschert, gehören die Edelmetallrückstände in der Asche uns." Die Hamburger Friedhöfe spenden das Geld an die Stiftung Deutsche Kinder-Krebshilfe in Bonn.
Rehkopf zeigte sich schwer erschüttert darüber, dass Mitarbeiter im Verdacht stehen, sich am Eigentum von Toten vergangen zu haben. "Bestattung ist eine Sache, die absolutes Vertrauen voraussetzt. Angehörige verlassen sich darauf, dass bei uns alles sauber abläuft." Und jetzt das.
Golddiebstahl in Hamburger Krematorien – kein Einzelfall. Vor drei Jahren flog im fränkischen Hof auf, dass drei Mitarbeiter des örtlichen Krematoriums jahrelang das Gold aus der Asche eingesteckt hatten. 50.000 Euro – so hoch war der "Nebenverdienst". Verurteilt wurden die drei Täter übrigens nicht. Unanständig und anstößig sei es zwar, was die Angeklagten verbrochen hätten, sagte der Richter, aber nicht strafbar – schuld sei eine Gesetzeslücke. Eine Leiche sei nach dem Gesetz keine Sache, und deswegen liege auch kein Diebstahl vor.
Bleiben am Ende auch die Täter in Hamburg unbestraft?
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