Die Story: Als Bilal in Calais ankommt, liegen 4000 Kilometer Fußmarsch hinter ihm. Der 17-jährige irakische Kurde hat sein Land verlassen, um seine von ihrem Vater nach London geholte Freundin wiederzusehen und eine Kickerkarriere in England zu starten. Nun trennt ihn nur noch der Ärmelkanal von seinem Zielland. Nach einem gescheiterten Versuch, zusammen mit anderen Illegalen in einem Lkw versteckt auf eine Fähre zu gelangen, beschließt Bilal, den Kanal zu durchschwimmen. Dafür muss er sich jedoch erst einmal fit machen. Im ehemaligen Top-Schwimmer Simon findet er einen Trainer, der seinen Plan schnell durchschaut. Trotzdem unterstützt Simon Bilal bald auch sonst nach besten Kräften. Zunächst allerdings nur, um seiner sozial engagierten Ex-Frau zu imponieren, die er auf diese Weise zurückzugewinnen hofft.
Die Schauspieler: Der schauspielerisch bislang unerfahrene Firat Ayverdi ist eine echte Entdeckung. Sein Bilal wirkt sehr naiv, lässt gleichzeitig aber keinen Zweifel an der Entschlossenheit aufkommen, sein Vorhaben durchzuführen. Ausgesprochen glaubwürdig agiert auch Vincent Lindon ("Wenn wir zusammen sind") als Midlife-Crisis-geplagter Simon, dessen egoistische Handlungsmotive nach und nach echter Anteilnahme am Schicksal des jungen Kurden weichen. Schließlich nimmt Simon sogar in Kauf, dass er ins Visier der Polizei gerät. Denn es ist strikt verboten, Illegalen zu helfen. In welcher Form auch immer.
Der Regisseur und Autor: Im Zentrum des Dramas von Philippe Lioret ("Die Frau des Leuchtturmwärters") steht die Freundschaft, die sich zwischen Simon und Bilal natürlich, wenn auch nicht irritationsfrei, entwickelt. Dabei leuchtet der Regisseur das Innenleben seiner beiden Protagonisten sensibel aus. Gleichzeitig wirft sein Film ein Schlaglicht auf die elende Situation der vielen Menschen, die in Calais stranden und darauf hoffen, es irgendwie nach England zu schaffen. Deren Lage schildert Lioret ohne jeglichen Betroffenheitsgestus. Die Unmenschlichkeit einer Politik, die nur darauf abzielt, es Illegalen so schwer wie möglich zu machen und damit potenzielle Flüchtlinge abzuschrecken, wird auch so deutlich genug.
Fazit: Ein engagierter, bewegender Film, der in Frankreich, wo er ein Millionenpublikum fand, eine heftige Debatte um das Gesetz ausgelöst hat, das die Unterstützung illegaler Immigranten hart bestraft.