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FILM DER WOCHE

TÖDLICHE VERSPRECHEN

Eigentlich sollte Drehbuchautor Steve Knight für eine britische TV-Doku über Menschenhandel in Osteuropa recherchieren. Doch das, was er herausfand, war so bizarr, dass er es zu einem Spielfilm-Drehbuch verarbeitete. Wie in seinem für den Oscar nominierten Buch zu Stephen Frears' "Dirty Pretty Things" erzählt er auch hier von Einwanderern in England - allerdings in weitaus dunklerer Form. Meisterregisseur David Cronenberg hat das Drehbuch noch einmal stark verändert und daraus einen Film gemacht, der seinesgleichen sucht: eine Reise in die Londoner Unterwelt - und in die düstersten Abgründe der menschlichen Seele.



Im Mittelpunkt steht die Hebamme Anna (Naomi Watts): In ihren Armen stirbt eine blutjunge illegale Immigrantin aus Russland bei der Geburt ihrer Tochter. Daraufhin versucht Anna, die Familie des Säuglings zu finden. Ihre Nachforschungen führen sie zu dem attraktiven Chauffeur Nikolai (Viggo Mortensen), dem väterlichen Restaurantbesitzer Semyon (Armin Mueller-Stahl) und dessen unfähigem Sohn Kiril (Vincent Cassel). Zu spät begreift Anna, dass sie ausgerechnet an einige der gefährlichsten Mitglieder der russischen Mafia in England geraten ist - und von nun an in höchster Lebensgefahr schwebt ...



Bis hin zum überraschenden Schluss ist in diesem Gangsterthriller niemand das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Die grandiosen Darsteller bringen ihre vielschichtigen Figuren zum Schillern: etwa Schauspiel-Veteran Armin Mueller-Stahl als Geige spielender Patriarch, hinter dessen freundlicher Fassade sich ein eiskaltes Monster verbirgt; oder Vincent Cassel ("Ocean's 12") als ultrabrutaler, unberechenbarer Schläger mit Verbrechervisage, der im Grunde genommen eine arme Sau ist und sich in Gegenwart seines Vaters regelmäßig in ein hilfloses Baby verwandelt. Selbst Naomi Watts ("King Kong") oszilliert in der Rolle der Anna zwischen Naivität und verblüffendem Mut. Die Krone aber gebührt dem phänomenalen Viggo Mortensen ("Herr der Ringe"), der den faszinierend undurchsichtigen Chauffeur und Gentleman-Killer Nikolai verkörpert. Obwohl er eigentlich dänischer Abstammung ist, nimmt man Mortensen ohne weiteres den Russen ab - nicht nur wegen seiner slawisch anmutenden Wangenknochen, sondern vor allem, weil er mit perfektem russischem Akzent spricht. Wie immer hat er sich akribisch vorbereitet, hat lange in Russland gelebt, ist förmlich in seine Rolle hineingekrochen: eine oscarreife Leistung!



David Cronenberg drehte nicht an den üblichen Londoner Touristen-Schauplätzen, sondern in echten Immigrantenvierteln. Seine brillante Inszenierung kreiert eine stimmige Atmosphäre, kommt ohne eine einzige überflüssige Szene aus und geht immer wieder tief unter die Haut. Wie üblich ist der kanadische Horror-Altmeister bei der Darstellung von Gewalt nicht zimperlich. Doch er serviert keine Metzelorgie á la "Hostel": Nur in fünf der 100 Filmminuten finden sich Gewaltszenen. Die sind allerdings so atemberaubend, dass einem das Blut in den Adern gefriert.



Das gilt besonders für einen beispiellos barbarischen Messerkampf auf Leben und Tod, den sich der splitterfasernackte Nikolai (ja, man sieht alles von Viggo Mortensen!) mit zwei tschetschenischen Killern in einem türkischen Dampfbad liefert: überwältigend choreografiert, knallhart realistisch und von einer schier unfassbaren Intensität. Eine sensationelle Sequenz, die ähnlich wie die legendäre Duschszene aus Hitchcocks "Psycho" in die Filmgeschichte eingehen wird.



Fazit: Der umwerfende Viggo Mortensen in einem Mafiathriller-Meisterwerk, das in derselben Liga spielt wie Coppolas "Der Pate". Nichts für zarte Gemüter. Aber für alle anderen Kinofans ein absolutes Muss!

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Datum:  27.12.2007
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