Von Statur war sie eher klein. Doch wenn Edith Piaf auf der Bühne stand und ihre wunderbaren Chansons sang, war sie für ihre Zuhörer die Größte. Unvergessene Lieder wie das titelgebende "La vie en rose" oder "Non, je ne regrette rien" berühren immer noch viele Herzen. Allerdings pflasterten nicht nur Erfolgserlebnisse ihren kurzen Lebensweg. Der "Spatz von Paris", wie Edith Piaf liebevoll von ihren zahlreichen Verehrern genannt wurde, hatte auch einiges zu durchleiden.
Von der Mutter verlassen, wächst sie im Bordell ihrer Großmutter auf, erblindet zeitweise, tingelt später mit ihrem Vater, einem fahrenden Schausteller, über Land, schlägt sich in Paris als Straßensängerin durch, verliert ihre zweijährige Tochter durch eine tödliche Gehirnhautentzündung, wird vom Revuetheater-Besitzer Leplée entdeckt und gefördert, der bald darauf einem Raubmord zum Opfer fällt. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere lernt sie 1947 mit dem Boxer Marcel Cerdan die große Liebe ihres Lebens kennen. Zwei Jahre später stirbt Cerdan bei einem Flugzeugabsturz. Anschließend kämpft Edith Piaf mit Drogenproblemen und erliegt 1963 im Alter von 47 Jahren einer Krebserkrankung.
All das zeigt auch der ambitionierte Film von Olivier Dahan ("Die purpurnen Flüsse 2"), der die gerade zu Ende gegangene Berlinale eröffnete. Jedoch so, dass man dem Menschen hinter dem Mythos nicht so recht nahekommt. Bemüht, einen Bezug zwischen dem Leben der Porträtierten und ihren Liedern herzustellen, hakt der Regisseur allzu schlaglichtartig wichtige biografische Stationen ab. Zudem springt er wild zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Das hat zur Folge, dass man auch mit den Nebenfiguren wenig vertraut wird. Symptomatisch dafür ist der Kurzauftritt von Gérard Depardieu als Entdecker des "Spatzen". Kaum hat man sich an Leplée gewöhnt, liegt er auch schon tot am Boden.
Gar nicht genug würdigen kann man dagegen die Hauptdarstellerin Marion Cotillard ("Ein gutes Jahr"). Ob als junge Straßensängerin, als Diva auf dem Zenit ihrer Karriere oder als sieche 47-Jährige: Sie geht ganz in der Rolle der Piaf auf und beweist darin eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit. Nicht zuletzt dank ihrer Schauspielkunst schafft es der Film trotz seiner Schwächen immer wieder, den Zuschauer zu berühren. Etwa in der Szene, in der die Chansonette vom Tod ihres geliebten Marcel Cerdan erfährt, zunächst wie gelähmt scheint, dann ihren Gefühlen freien Lauf lässt - und anschließend auf die Bühne tritt. Besonders aber am Schluss, wenn sich die Sterbende an ihren umjubelten Auftritt im Pariser Olympia erinnert, bei dem sie - bereits von ihrer schweren Krankheit gezeichnet - "Non, je ne regrette rien" singt. Wessen Augen da trocken bleiben, der hat kein Herz.