Die Sonne geht gerade auf, taucht alles in goldenes Licht. Vier junge Männer knien nieder zum Gebet. Dann brechen sie auf zum Flughafen Newark bei New York. Noch ragen die beiden Türme des World Trade Centers hoch in den Himmel über Manhattan - und es laufen einem Schauer über den Rücken, denn der Zuschauer weiß, welche Katastrophe sich anbahnt an diesem 11. September 2001.
Die Männer besteigen eine Boeing der United Airlines, Flug 93 mit Ziel San Francisco. In der Maschine herrscht die gleiche Atmosphäre wie bei tausenden anderen Flügen, einige Passagiere lesen, andere unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn, eine Frau macht es sich für ein Nickerchen bequem. Doch der Terror ist längst an Bord. Eine halbe Stunde nach dem Start werden die vier jungen Araber das Flugzeug in ihre Gewalt bringen, die Piloten töten und Kurs auf das Weiße Haus nehmen.
Niemand weiß, was genau passiert ist. Sicher ist nur, dass einige Passagiere durch Telefonanrufe bei ihren Angehörigen, die vom Anschlag aufs World Trade Center berichteten, ahnten, was ihnen bevorstand. Mit dem Mut der Verzweiflung erhoben sie sich gegen die Entführer und brachten die Maschine schließlich zum Absturz. Man fand das Wrack in einem Feld bei Shanksville/Pennsylvania.
"Flug 93" ist der erste einer Reihe von Filmen, die das Geschehen am 11. September zum Thema haben. So wird Oliver Stones "World Trade Center" mit Nicolas Cage in der Hauptrolle im Herbst in die Kinos kommen. Was dort zu befürchten steht, ein Werk mit viel Kitsch und Pathos, vermeidet Paul Greengrass völlig. Der britische Regisseur ("Bloody Sunday", "Die Bourne Verschwörung") inszeniert das Ganze bar jeder Effekthascherei als dokumentarisch anmutendes Drama, das gerade wegen seines nüchternen Stils umso erschütternder ist.
Es gibt keine Stars, stattdessen unbekannte Schauspieler und Laien. Einige der Fluglotsen, die an jenem Tag Dienst hatten, spielen sich selbst, wie Ben Sliney, der am 11. September seinen neuen Job als Chef der Flugaufsichtsbehörde FAA angetreten hatte. Dort und in den anderen Kontrollzentralen herrscht unvorstellbares Chaos. Eine oft wacklige Kameraführung, schnelle Schnitte und der Verzicht auf Musik vermitteln den Eindruck, hautnah dabei zu sein - ein Effekt, der besonders quälend ist, als die letzten 35 Minuten im Flugzeug in Echtzeit gezeigt werden. Man krallt seine Hände in den Kinosessel, so stark ist das Gefühl, selbst Passagier zu sein. Und man erträgt es kaum, wenn die Opfer ein letztes Mal mit ihren Lieben telefonieren.
Manche warfen Greengrass vor, fünf Jahre seien eine zu kurze Zeit, um das Grauen von damals jetzt auf die Leinwand zu bringen. In den USA war zeitweilig ein heftiger Streit darum entbrannt. Doch Paul Greengrass tappt in keine der vielen Fallen, die die Verfilmung eines so heiklen Themas bereithielt. Er sprach mit den Angehörigen der Toten und arbeitete akribisch die von der Untersuchungskommission veröffentlichten Berichte durch, vermeidet jeglichen Kitsch und hält sich an die Fakten. Nachdem der Film in den USA angelaufen war, verstummten die Kritiker denn auch sofort.
Fazit: Feinfühlige, erschütternde und absolut großartige Rekonstruktion einer Katastrophe.