Wenn man über die Tragik des Lebens nicht mehr weinen, sondern nur noch lachen möchte, dann sitzt man meist in einer sehr gelungenen Komödie. Je wahrer sie ist, umso besser. "Fleisch ist mein Gemüse" ist sehr wahr. Vorlage ist nämlich der autobiografische Roman von Heinz Strunk - die exhibitionistisch-neurotische Lebensbeichte eines jungen Mannes aus der Vorstadt. Jetzt hat Grimme-Preisträger Christian Görlitz (ausgezeichnet für "Freier Fall") den Stoff fürs Kino verfilmt.
Harburg zu Beginn der achtziger Jahre: "Heinzer" (Maxim Mehmet) lebt bei seiner schizophrenen Mutter (Susanne Lothar) und träumt von der großen Karriere als Musikproduzent. Doch das Leben hat andere Pläne mit ihm. Er heuert bei der Tanzband Tiffanys an, um an Wochenenden in grellen, pinkfarbenen Glitzerjackets bei Dorf- und Schützenfesten aufzutreten.
Die im Buch äußerst treffende Beschreibung der nach Alkohol, Schlagern und Disco-Fox lechzenden Feiergesellschaften entlarvte die Gasthöfe der norddeutschen Provinz als wahre Gruselkabinette des schlechten Geschmacks. Und auch Regisseur Christian Görlitz inszeniert die schmerzhaft peinlichen Tiffanys-Abende mit besonderer Sorgfalt. Horden von schnurrbarttragenden Vokuhila-Komparsen in knappen Jeans-Shorts schwofen im Vollrausch zu "Polonäse Blankenese" oder Chris Roberts' "Ich bin verliebt in die Liebe". Die Band steht mit gequältem Grinsen auf der Bühne und tut, was sie muss: spielen und "gut abliefern". Der selbstbewusste Bandleader Gurki (Andreas Schmidt) verkörpert dabei den Ur-Typus des tragischen Dorf-Entertainers, der mit seinen Ansagen ("Ein Bierchen für die Nierchen", "Da klatschen die Apachen ") dem niveauarmen und meist alkoholisierten Publikum in nichts nachsteht.
Der echte Heinz Strunk, dessen Kultbuch mit über 250000 verkauften Exemplaren zum Bestseller wurde, taucht im Film als Erzähler auf. Sich selbst wollte er nicht spielen, stattdessen schlüpft Maxim Mehmet in die Rolle des neurotischen jungen Mannes, der gegen hartnäckige Akne und die Tristesse seines Lebens ankämpft. Zum Glück erspart Christian Görlitz dem Publikum weitgehend Heinzers im Buch detailliert beschriebene körperliche Leiden, wie aufgeplatzte Eiterbeulen und geschwollene Hände vom chronischen "Abmelken", wie Strunk sein damaliges Masturbationsritual nannte.
Stattdessen überzeugt "Fleisch ist mein Gemüse" als hervorragende Tragikomödie, die mit ihrer Liebe zum soziologischen Detail auch ein echter Hamburg-Film ist und es locker mit dem Kultpotenzial der Buchvorlage aufnehmen kann. Zugleich ist der Streifen eine - garantiert notalgiefreie - Reise in die frühen Achtziger, die die biedere Tristesse norddeutscher Provinz zu Beginn der Kohl-Ära entlarvt: Eine kaputte Welt voller hoffnungsloser Charaktere, die einem dennoch ans Herz wachsen. Man möchte weinen. Doch dann entpuppt sich ein herzhaftes Lachen als viel bessere Frustrationsbewältigung.
Fazit: Banalität kann weh tun: Wundervolle Tragikomödie mit viel Lokalkolorit aus Hamburgs näherem Umland.