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FILM DER WOCHE

Die Fremde

Am 7. Februar 2005 wurde die 23-jährige kurdischstämmige Hatun Sürücü in Berlin von ihrem jüngsten Bruder ermordet, weil ihrer Familie ihr westlicher Lebensstil nicht passte. Am 15. Mai 2008 traf es die 16-jährige Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi auf einem Parkplatz in Hamburg-St. Georg. Zwei Fälle von „Ehrenmorden“, die bundesweit für Schlagzeilen sorgten. Dieses heikle Thema behandelt die gebürtige Wienerin Feo Aladag in ihrem Kinoregiedebüt, für das sie auch das Drehbuch schrieb, mit viel Fingerspitzengefühl. In der Hauptrolle beeindruckt Sibel Kekilli, die seit ihrem furiosen Auftritt in Fatih Akins „Gegen die Wand“ vor fast sechs Jahren in unseren Kinos nur noch in Nebenrollen zu sehen war.



Sie spielt die Deutsch-Türkin Umay, die es bei ihrem zu Gewalttätigkeit neigenden Mann in Istanbul nicht mehr aushält und mit ihrem kleinen Sohn Cem nach Berlin zurückkehrt. Im ersten Moment freuen sich ihre Eltern und ihre drei Geschwister über das Wiedersehen. Doch als der Grund für den „Besuch“ offenkundig wird, herrscht dicke Luft. Nur ihre Schwester Rana und ihr jüngerer Bruder Acar scheinen ihr noch wohlgesinnt zu sein. Als ihr Vater Kader und ihr scharfmacherischer älterer Bruder Mehmet Anstalten machen, Cem über einen Mittelsmann nach Istanbul bringen zu lassen, sucht Umay mit ihrem Jungen Zuflucht in einem Frauenhaus. Während sie beginnt, sich ein neues, selbstbestimmtes Leben aufzubauen, gerät wegen ihres „schändlichen“ Verhaltens die Heirat ihrer schwangeren Schwester in Gefahr. Die Hochzeit findet dann zwar statt, aber nur weil Kader dem Vater des Bräutigams viel Geld zahlt. Als Umay, die immer noch hofft, sich mit ihrer Familie aussöhnen zu können, auf der Feier mit ihrem plötzlichen Auftauchen für einen Eklat sorgt, spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu ...



Der zierlichen Sibel Kekilli gelingt es, die Gefühle ihrer Filmfigur zu transportieren, ohne viele Worte verlieren zu müssen. Ihr umso beredteres Mienenspiel drückt Verletztsein, Trauer, Verzweiflung und Wut ebenso aus wie Zärtlichkeit, kämpferische Entschlossenheit und Mut. Auch der Rest des Ensembles macht seine Sache ausgezeichnet. Sämtliche Charaktere erscheinen sehr authentisch. Manche bis zur Schmerzgrenze.



Auch wenn dabei klar ist, auf wessen Seite die Regisseurin steht: Feo Aladag hütet sich davor, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Sie zeigt, wie das Konstrukt der „Ehre“ einen sozialen Druck erzeugt, dem die Familie bei aller Liebe zu Umay nicht standhalten kann. Die innere Zerrissenheit fast aller Figuren ist dabei stets spürbar, doch letztlich kann keiner aus seiner Haut. In diesem Zusammenhang spielt Aladag vielleicht ein paar Situationen zu viel durch. Das mag ein wenig thesenhaft wirken, aber es raubt ihrem Film nichts von seiner emotionalen Wucht.



Fazit: Eindringlich gespieltes Drama, das viel Diskussionsstoff bietet.



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Datum:  11.3.2010
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