Endlich durfte Kate Winslet in der Nacht zum vergangenen Montag jubeln! Bereits fünf Mal war die britische Ausnahme-Aktrice für einen Oscar nominiert (zuletzt 2007 für "Little Children"), in diesem Jahr hat sie den begehrten Goldjungen für ihre Rolle als des Lesens und Schreibens unkundige KZ-Aufseherin in Stephen Daldrys "Der Vorleser" zu guter Letzt doch noch bekommen. Die Auszeichnung für die "Titanic"-Darstellerin war allerdings die einzige, die der Film bei der Preisverleihung für sich verbuchen konnte. Ohnehin hat es das im Filmstudio Babelsberg entstandene Drama wohl hauptsächlich seiner NS-Thematik und weniger seiner Qualität zu verdanken, dass es in der Kategorie "Bester Film" überhaupt nominiert wurde. Die Schrecken des Dritten Reichs auf eine möglichst geschmackvoll-gediegene Art aufzuarbeiten, ist eben nicht unbedingt der richtige Weg.
Eine süddeutsche Stadt in den 1950er Jahren: Der Schüler Michael Berg wird von der deutlich älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz verführt, eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Nach dem Sex liest Michael seiner Geliebten aus Büchern vor. Eines Tages ist Hanna jedoch plötzlich verschwunden. Erst Jahre später, er studiert mittlerweile Jura, sieht Michael sie wieder. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen verfolgt er einen Prozess gegen Naziverbrecher. Unter diesen ist auch Hanna, die als ehemalige Aufseherin in Auschwitz wegen der Ermordung mehrerer hundert Juden angeklagt ist. Michael droht an der Vorstellung, dass seine erste Liebe ein unmenschliches Monster sein soll, zu zerbrechen ...
Neben Kate Winslet verblasst David Kross ("Krabat"), der Kino-Shooting-Star aus Bargteheide, fast zwangsläufig. Als Grünschnabel in erotischen Dingen ist er noch ganz putzig, seinen moralischen Zusammenbruch nimmt man ihm jedoch in keinem Augenblick ab. Noch weniger überzeugt Ralph Fiennes als erwachsener Michael. Von der ersten bis zur letzten Szene schaut er drein wie ein begossener Pudel. Selbst als Michael Hanna nach Jahrzehnten zum ersten Mal wiedersieht, verzieht Fiennes keine Miene. Ein Einlassen auf diese emotional so komplexe Figur macht er dem Zuschauer damit praktisch unmöglich.
Das eigentliche Problem liegt aber nicht bei den Darstellern, sondern beim Regisseur Stephen Daldry ("The Hours") und seinem Drehbuchautor David Hare. Keiner von beiden traut sich, eine klare Haltung bezüglich des Stoffes einzunehmen. Auf der einen Seite werden die Verbrechen der Nazizeit unreflektiert verharmlost - der supernaiven, aber auch sehr liebenswürdigen Hanna kann man eben nicht lange böse sein, egal was sie im KZ alles angestellt hat. Auf der anderen Seite wird, etwa in den Vorlesungen des Juraprofessors Rohl (Bruno Ganz), mit Schlagwörtern wie Kollektivschuld um sich geschmissen. Statt klar Stellung zu beziehen, hangeln sich Daldry und Hare an den Stationen des Romans entlang, ohne dessen moralische und thematische Vielschichtigkeit auf die Leinwand zu transportieren. Was bleibt, ist ein viel zu schön anzusehendes Hochglanzprodukt, das anspruchsvoll tut, aber eigentlich gar nichts zu sagen hat.
Fazit: Trotz Kate Winslet lässt dieser Film sein Publikum vollkommen kalt.
126 Min., ab 12 Jahren, Abaton, Cinemaxx Dammtor und Harburg, Koralle, Passage, Streits, UCI (alle)