Der Begriff wird inflationär gebraucht, doch auf "Akte X" trifft er zweifelsohne zu: Die megaerfolgreiche Serie um zwei FBI-Agenten und ihre unerklärlichen Fälle, die zwischen 1993 und 2002 über die Fernsehschirme flimmerte, ist und bleibt absoluter Kult. Der fanatische Alienjäger Fox Mulder (David Duchovny) und der kühl-erotische Rotschopf Dana Scully (Gillian Anderson) sind seither von ihrer popkulturellen Bedeutung höchstens noch mit den "Simpsons" vergleichbar. Deshalb sind die Erwartungen an den zweiten Leinwandausflug des TV-Phänomens natürlich enorm. Doch Serien-Mastermind Chris Carter, der hier als Regisseur, Produzent und Autor in Personalunion fungiert, hat einen anständigen Job gemacht: Zwar hätte "Jenseits der Wahrheit" an manchen Stellen ein wenig mehr Action und Tempo gut vertragen, doch insgesamt bietet auch der zweite "Akte X"-Kinofilm wieder spannende Mystery-Unterhaltung.
Seit einiger Zeit sind Hollywoods Studios geradezu versessen darauf, die Inhalte ihrer Blockbuster möglichst lange unter Verschluss zu halten. Dennoch: Irgendwas kommt eigentlich immer raus und wird dann von Bloggern bis ins kleinste Detail analysiert und bewertet. Im Fall von "Jenseits der Wahrheit" war die penible Geheimniskrämerei allerdings ein voller Erfolg. Mit Ausnahme des stimmungsvollen, aber im Endeffekt nichtssagenden Trailers, in dem der Schauspieler Billy Connolly durch den Schnee stapft und einen verwirrten Eindruck macht, wurden vorab keine genauen Informationen zum Inhalt bekannt. Deshalb sei an dieser Stelle auch nur so viel verraten: Mulder und Scully arbeiten nicht mehr für das FBI - er brütet über UFO-Zeitungsartikeln, und sie ist als Ärztin in einem katholischen Krankenhaus angestellt. Als ein pädophiler Pfarrer mit hellseherischen Fähigkeiten auf einen abgeschlagenen, im Eis verborgenen Arm stößt, der sich als einziger Hinweis auf den Aufenthaltsort einer entführten FBI-Agentin entpuppt, muss das ehemalige Ermittlerduo aber doch noch mal ran ¼
Im Gegensatz zum ersten Kinoprojekt "Akte X: Der Film" (1998), das direkt an die Handlung der TV-Serie anknüpfte, ist "Jenseits der Wahrheit" nun ein eigenständiges Werk, das auch ohne größere Vorkenntnisse verständlich ist. In Windeseile spannen Chris Carter und sein Co-Autor Frank Spotnitz ein vertracktes Netz aus mysteriösen Ereignissen, das Mulder und Scully reichlich Rätsel aufgibt. Leider werden diese vom Publikum viel zu früh durchschaut. Und auch abseits überraschender Wendungen hält sich der Thriller mit Spektakulärem eher zurück: Zwar punktet er mit atmosphärischen Aufnahmen der verschneiten Winterlandschaft, ansonsten kommt außer bei einer Verfolgungsjagd durch einen düsteren, halbfertigen Neubau allerdings nur selten richtig Schwung in die Sache. Dafür wird der Zuschauer mit der komplexen Beziehung von Mulder und Scully entschädigt, zwischen denen sich in den vergangenen sechs Jahren seit dem Serienende eine Menge getan hat. Was genau und ob die beiden unterkühlten Liebesvögel sich endlich auch körperlich näherkommen, wird hier natürlich nicht verraten.
Fazit: Durchaus spannender, wenn auch etwas unspektakulärer Mystery-Thriller, der vor allem von der außergewöhnlichen Chemie zwischen seinen beiden Protagonisten lebt.