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Mensch, wieso seid ihr denn so dick?

Europäer machen sich gern über die dicken Amis lustig. Das Lachen könnte ihnen bald vergehen: "Die Menschen hier werden so dick wie die Amerikaner", warnt Michael Ristow von der Uni Jena.



"Ich bin froh dass ich kein Dicker bin", sang Westernhagen 1978 gehässig. Das können hier zu Lande immer weniger Leute von sich behaupten. Gerade die Teutonen werden immer korpulenter: 58 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen bringen zu viel auf die Waage, so das Statistische Bundesamt. Zwei Prozent mehr als 1999.



"Dicker sind nur die Briten", sagt Ernährungsexperte Ristow. Ob Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt oder kaputte Gelenke - die Begleiterscheinungen sind massiv. Erschreckend: Bei immer mehr Kindern tauchen die Leiden auf. Denn schon sie kämpfen mit den Kilos. Knapp zwölf Prozent der Hamburger Erstklässler haben zu viel auf den Rippen. Das sind schon 2,5 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.



Die Hamburger sind zwar etwas dünner als der deutsche Schnitt (50 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen sind übergewichtig). Aber im alltäglichen Wahnsinn zwischen Schönheitsidealen, Werbemodels und der eigenen Realität verzweifeln auch hier viele Menschen. Vier Mutige sagen in der MOPO, wie sie zu ihren Pfunden gekommen sind - und wie sie damit umgehen.



PETER PAESSLER (32), 107 KILO BEI 1,65 METER



»Essen ist wie eine Droge«



Peter Paessler (32) ist süchtig: "Essen ist für mich wie eine Droge. Da braucht man gar nicht um den heißen Brei zu reden." Sein Bauch ist groß und kugelrund, 107 Kilo. "Das ist fatal", weiß er. Den Speck bekommt er trotzdem nicht von den Rippen.



"Ich will nicht rumheulen, jeder muss kämpfen", sagt der Horner trotzig. Dennoch kommen ihm nachts manchmal die Tränen - wenn die chronische Fußgelenkentzündung wieder heftig schmerzt. Da sind die 35 Kilo zu viel nicht gerade hilfreich. Und Sport ist dadurch seit langem nicht mehr möglich. Deshalb fällt dem ehemaligen Hobby-Boxer und -Fußballer der Kampf gegen die Pfunde auch so schwer.



Zweiter schwerwiegender Faktor ist Paesslers Alltag als Mitinhaber und Koch im "Royal Grill" in Barmbek. "Man probiert hier und da - da kommt einiges zusammen." Und dann kocht er abends immer Leckereien. Rouladen, Entenbrust, Kalbsscallopine in Weißweinsauce und dergleichen. "Damit will ich auch nicht aufhören. Das ist meine Welt. Ich habe nicht viele andere Hobbys." Ihm fehle die Motivation zum Abnehmen, beklagt er. "Ich bin noch nicht bereit."



Die häufigen Hänseleien stören ihn deshalb wenig - dann schon eher die spöttischen Kommentare seiner Frau. Sie schickte ihn jetzt zum Ernährungsberater - bislang allerdings ohne Erfolg.



SABINE BALJA (20), 60 KILO BEI 1,54 METER



»Nur die anderen tragen Röcke«



Der Sommer macht Sabina Balja (20) immer wieder unglücklich. Röcke, alle tragen Röcke. Sie fühlt sich dann unwohl in ihrer Haut. "Das könnte ich ja auch - aber es sähe einfach nicht aus", sagt die Angestellte aus Mümmelmannsberg ernüchtert. Zig Diäten hat die dynamische und selbstbewusste Frau schon hinter sich. Jede hat ihre Hüften eher breiter statt schmaler gemacht.



Sogar ihren Job hat sie geschmissen, um ein paar Pfunde loszuwerden. "In der Großküche habe ich immer zwischendurch genascht, ich konnte nicht anders", erklärt sie. Überhaupt, dieser Heißhunger. Jede Diät macht er kaputt. Und besonders schlimm wird es, wenn Stress mit Freunden oder den Eltern dazukommt: "Dann haut man sich alles rein, bis einem schlecht ist", erzählt sie. Das liegt auch an diesem Schrank in ihrer Wohnung. Er lockt mit Süßigkeiten und Schokolade: "Ich kann dann häufig nicht nein sagen, das ist wie eine Sucht."



Es kommt hinzu, dass Sport nicht zu Baljas Leidenschaften gehört. Das letzte Mal war wohl noch in der Schule. Zwar hilft gegen den verhassten Jo-Jo-Effekt ihrer Meinung nach nur viel Bewegung. "Ich bin aber einfach zu faul", sagt sie. Und dass sie sich alleine nicht aufraffen kann. "Wenn immer mal wieder jemand anrufen würde, vielleicht könnte ich mich dann motivieren."



FRANK KORTMANN (43), 163 KILO BEI 1,90 METER



»Schön sieht das ja nicht gerade aus«



Frank Kortmann (43) hat eine einfache Erklärung für 80 überflüssige Kilo: "Ich will ja abnehmen. Aber nach einer Diätwoche hängt mein Magen in Bergedorf. Wenn ich dann eine Currywurst seh, dreh ich durch!"



Der geschiedene Angestellte aus Geesthacht arbeitet immer im Sitzen, meist bis 20.30 Uhr. "Ich kämpfe jeden Abend mit meinem grummelnden Bauch, so spät soll man ja nichts mehr essen. Aber dann sitz ich vorm Fernseher - und was passiert? Attacke, Kühlschrank auf!", sagt der joviale Brummer. Den einst sportlichen Jungen machten vor allem acht Jahre als Trucker zum 163-Kilo-Mann: nur sitzen, viel Cola und unzählige Imbissbesuche auf trostlosen Raststätten. "Nach fünf Jahren habe ich das extrem gemerkt. Aber da wars zu spät, ich hatte mich schon an den Geschmack von Pommes, Kuchen und Brause gewöhnt. Jetzt ist das eine Sucht wie für andere Alkohol."



Sein kolossaler Umfang macht Kortmann zu schaffen. Weniger die Leute, die schräg gucken und tuscheln, stören ihn, sondern die täglichen Einschränkungen. "Ich passe in kein kleines Auto oder normale Kleider. Und diese XXL-Sachen sind extrem teuer." Mit seiner "Kugel" bekommt er schlecht Luft. "Und schön sieht das auch nicht aus", sagt er etwas traurig.



In seinem Job als Kassierer hat Kortmann oft wenig zu tun. "Ständig denke ich dann an Essen", klagt er. Ungünstig, dass die nächste Pommesbude keine 30 Meter entfernt ist. "Frühstück lass ich immer weg. Ab Mittag leg ich dann los. Bis zum Abend verdrück ich mehrere kleine Portionen." Immerhin: Vor der Herz-OP im April 2005 waren es mehrere große Portionen.



Alleine, da ist er sich sicher, wird er den Kampf gegen die Pfunde nicht mehr gewinnen. Dabei würde er gerne 30 Kilo weniger haben: "Und sei es nur, um mit meinem Sohn mal wieder vernünftig Fußball zu spielen."



ANJA ENCKE (40), 99 KILO BEI 1,69 METER



»Schokolade ist meine große Schwäche«



Wenn Anja Encke (40) in ruhigen Minuten in den Spiegel schaut, wird die lebensfrohe Frau traurig: "Das bist also du", denkt sie dann und fühlt sich "nicht besonders toll".



Schokolade ist ihre große Schwäche. "Entweder ganz oder gar nicht. Wenn die Tafel auf ist, ist sie weg", erzählt die Angestellte aus Horn. "Ob zwischendurch, nach dem Essen oder vorm Fernseher: Haste Hunger, dann holst du dir 'nen Schokoriegel."



Mit fünf machte die Nürnbergerin ihre erste Diät - eine Zunehmkur. Vier Jahre später folgte die erste Abnehmkur. "Wirklich extrem wurde es aber erst nach dem zweiten Kind. Da habe ich die Kilo nicht mehr runterbekommen."



Der Angriff auf die Pfunde scheitert seitdem immer wieder. Der Halbtagsjob, die Kinder, der Haushalt. "Ich bin den ganzen Tag unterwegs. Wenn man sein eigenes Leben und das der Kinder managen muss, ist man abends platt und will Ruhe." Dann noch Sport, schwitzen - "das geht einfach nicht". Zudem fehlt ihr jemand, der mitmacht, der motiviert.



Gesundheitsprobleme hat sie noch keine, aber vieles stört. Wenn Encke kurz rennt, tun die Knie weh, Treppen bringen sie schnell aus der Puste und leicht ins Schwitzen. Sie wurde autofaul und traut sich nur selten in kurze Hosen oder ärmellose T-Shirts. Kleidung in ihrer Größe ist teuer und selten kreativ. "Ich will auch gerne einen schönen Badeanzug haben", sagt Encke leicht bedrückt. Sie hofft weiter: "Ob ich mit zehn Kilo weniger glücklicher wäre, weiß ich nicht. Aber zufriedener bestimmt."

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Datum:  20.6.2006
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Thomas Hirschbiegel

Aufschriften auf Firmenwagen sind immer wieder ein ergötzliches Thema. Jetzt stand ich am Eimsbütteler Markt hinter einem Transporter, auf dem stand: „Vor Ihnen fahren die Maler mit Freude am Beruf.“