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EXKLUSIV-INTERVIEW ZÉ ROBERTO (35)

Der Fußball-Gott wird Prediger

Er ist ein Superstar. Spielte 84 Mal für Brasilien, holte mit dem FC Bayern vier Meistertitel und genauso oft den DFB-Pokal. Seit diesem Sommer zaubert er für den HSV. Die MOPO traf Zé Roberto während seines Auftritts bei "TV-Ipanema", das bei "Tide" zu sehen ist (Infos unter www.tv-ipanema.tv). Der 35-Jährige gab erstaunliche Einblicke - auch in sein Privatleben.



MOPO: Sie leben und arbeiten seit 1998 in Deutschland. Was wussten Sie vorher über Land und Leute?



Zé Roberto: Ich hörte, dass es hier oft kalt und die Sprache schwer sei.



MOPO: Gab es Vorurteile? Welche Dinge haben sich bestätigt, was hat Sie überrascht?



Zé Roberto: Ich hatte gehört, dass viele Leute in Deutschland genauso kalt vom Charakter her seien wie das Wetter. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich traf auf viele warmherzige Menschen, die mich gut behandelten. Wenn das anders gewesen wäre, hätte ich ganz schnell meine Sachen gepackt und wäre wieder zurückgeflogen.



MOPO: Sie haben sich also von Beginn an wohlgefühlt?



Zé Roberto: Ich hätte nie gedacht, dass ich mich hier so schnell anpassen kann. Die Integration hat sogar schneller geklappt als in Spanien bei Real Madrid, wo ich 1987 für ein Jahr spielte.



MOPO: Gibt es typische Tugenden, die Sie für sich gewinnen konnten? Stichwörter: Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit.



Zé Roberto: All das kannte ich vorher schon, das hat mich das Leben gelehrt.



MOPO: Wie darf man das verstehen?



Zé Roberto: Mein Vater hat unsere Familie früh verlassen, meine Mutter musste, um uns über Wasser zu halten, zwei bis drei Jobs gleichzeitig machen.



MOPO: Deshalb waren Sie oft allein zu Hause?



Zé Roberto: Richtig: Ich bekam als ältestes Kind Geld von meiner Mutter. Davon musste ich das Essen für uns alle einkaufen.



MOPO: Und den Haushalt erledigen?



Zé Roberto: Ja, und wenn meine Mutter abends nach Hause kam und es herrschte keine Ordnung, gab's einen Klaps auf den Popo. Durch diese große Verantwortung von damals habe ich es heute leichter.



MOPO: Warum gibt es immer noch Probleme mit der deutschen Sprache?



Zé Roberto: Es gibt ganz viele Dinge, die von innen kommen, sehr emotional sind. Das kann ich besser auf Brasilianisch ausdrücken, benutze dann lieber einen Dolmetscher.



MOPO: Mit anderen Brasilianern gibt es in der Bundesliga oft Probleme. Ailton und Diego kamen regelmäßig verspätet aus dem Urlaub zurück, beanspruchten Sonderrechte, Grafite hat Ärger in Wolfsburg. Warum gibt es keine Skandale bei Ihnen?



Zé Roberto: Ich denke, dass liegt tatsächlich an den typisch deutschen Tugenden, die mir das Leben beigebracht hat.



MOPO: Sie wirken immer ruhig und ausgeglichen. Was bringt Sie auf dem Platz auf die Palme?



Zé Roberto: Wenn mich mein Gegenspieler absichtlich verletzen will, mir den Ellbogen ins Gesicht rammt.



MOPO: Wie reagieren Sie dann?



Zé Roberto: Ich spreche dann mit ihm. Ich möchte nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.



MOPO: Sie sind in der Form Ihres Lebens - mit 35 Jahren. Für Franz Beckenbauer sind Sie der, der mit dem Ball tanzt. Spielen Sie noch mit 38 oder gar 40 Jahren?



Zé Roberto: Ja, ich bin wirklich gut in Form, und ich danke Gott, dass er mir dieses Talent geschenkt hat. Ich setze mir erst mal Kurzziele. Möchte mit dem HSV in die Champions League, versuchen, einen Titel zu holen.



MOPO: Sie scheinen aber gar keinen Verschleiß zu haben.



Zé Roberto: Vom Körper her geht das. Aber Sie müssen wissen: Ich befinde mich praktisch seit 15 Jahren in einem Marathon als Fußball-Profi. 15 Jahre lang jede Woche drei Spiele. Überall, wo ich bin, wird ein Top-Niveau verlangt. Da ist der Druck groß. Der Druck, Titel zu holen, erfolgreich zu sein. Ich frage mich immer wieder: Wie schaffe ich es, mich immer neu zu motivieren? Das ist eine Kopfsache. Ich habe es bislang immer hingekriegt. Aber ich weiß nicht, was in ein paar Jahren ist. Ich möchte ein gutes Ende haben, mich nicht vom Platz schleppen.



MOPO: Der HSV ist oben in der Tabelle - bleibt er da auch, oder muss er nach den vielen schweren Verletzungen von Silva, Guerrero oder Petric im Winter neue Spieler kaufen?



Zé Roberto: Jetzt haben junge Spieler die Chance, sich zu beweisen. Auch mit ihnen hat der HSV eine hohe Qualität. Man muss sehen, wer bald zurückkommt. Ich möchte dem HSV nicht sagen, was er zu tun hat.



MOPO: Sie sind ein sehr gläubiger Mensch.



Zé Roberto: Ja, ich bin mit meiner Mutter als kleiner Jungte oft in die Kirche gegangen und habe gemerkt, wie viel Kraft mir das gibt.



MOPO: Sie beten vorm Spiel. Wofür?



Zé Roberto: Zunächst danke ich Gott, dass er mir das Talent gegeben hat, so gut Fußball spielen zu können. Dann bete ich dafür, nicht verletzt zu werden.



MOPO: Und das Ergebnis?



Zé Roberto (lacht): Das entscheidet Gott - das kann er besser als wir alle.



MOPO: Sie suchen einen Raum in Hamburg, um zu predigen. Was werden Ihre Botschaften sein?



Zé Roberto (ist evangelischen Glaubens): Ich werde meine Lebenserfahrung weitergeben, Bibelgeschichten erzählen, die mir Kraft gegeben haben. Ich glaube, dass ich das Talent habe, diese Geschichten einfühlsam anzuwenden.



MOPO: Ihre Frau Luciana lebt mit den Kindern Endrik (9), Miria (6) und Isabelli (3) noch in München. Wann ziehen sie um?



Zé Roberto: So bald ich ein Haus gefunden habe, ich kann nicht lange ohne meine Familie leben.



MOPO: Was machen Sie nach Ihrer Karriere? Geht's zurück nach Brasilien?



Zé Roberto: Das steht noch nicht fest. Ich werde mich auf jeden Fall um brasilianische Straßenkids kümmern. Ich denke auch über ein Projekt in Deutschland nach. Vielleicht wird's eine Fußballschule geben.



MOPO: Ihr erster Winter in Hamburg steht bevor. Haben Sie Angst?



Zé Roberto (lacht): Wer den kalten Winter in München sechs Jahre ertragen und überlebt hat, kommt auch überall in Deutschland klar. Ich weiß gar nicht, wie oft mein Bayern-Mannschaftskollege und guter Freund Lucio mir mit seinem Schnee-Traktor helfen musste.



MOPO: Spüren Sie die Zuneigung der Fans in Hamburg?



Zé Roberto: Ja, sehr sogar. Das tut gut. Bei meinen wenigen Besuchen in der Innenstadt bin ich sehr nett angesprochen worden. Hier in Hamburg passt alles für mich.



MOPO: Abends sind Sie im Sport-Studio. Wie oft treffen Sie beim Torwandschießen?



Zé Roberto (lacht): Beim letzten Mal waren es drei Treffer. Jetzt würde ich mich mit einem Treffer zufriedengeben.

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Datum:  31.10.2009
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