Tierschützer stürmten gerade die Proben beim "Zirkus Charles Knie" auf dem Heiligengeistfeld. Und immer mehr Städte wollen keine Zirkusse mit Wildtieren mehr auftreten lassen. Gleichzeitig haben bereits 30000 Gäste die Vorstellung von Knie in Hamburg besucht. Sind Löwen und Elefanten im Zirkus Tierquälerei oder eine bewahrenswerte Tradition? Darüber diskutieren der Raubtiertrainer Alex Lacey ("Zirkus Knie") und Thomas Pietsch (Tierschutz-Organisation "Vier Pfoten").
MOPO: Alex Lacey, ist es nicht traurig für ihre Löwen und Tiger, dass sie niemals die Wildnis erleben werden?
Lacey: Alle meine Löwen und Tiger sind in 7. bis 9. Generation in meiner Familie. Sie wurden alle in Gefangenschaft aufgezogen. Sie kennen nur diese eine Art zu leben. Solange man ihnen die Gelegenheit gibt, zu fressen, zu schlafen und sich zu Reproduzieren, sind sie sehr zufrieden. Sie haben ein reiches, schönes Leben in Gefangenschaft.
Thomas Pietsch: Mehrere Generationen in Gefangenschaft reichen nicht. Die Domestikation der Tiere braucht Jahrtausende. Die Wildtiere haben doch noch alle Merkmale ihrer Artgenossen in freier Wildbahn. Deshalb brauchen sie bessere Haltungsbedingungen, als ein Zirkus sie bieten kann.
MOPO: Herr Pietsch, sie haben sich beim Zirkus Knie selbst ein Bild gemacht. Wie geht es den Tieren dort?
Pietsch: Wildtiere wie Bären, Löwen, Elefanten oder Affen können im Zirkus nicht artgerecht untergebracht werden. Aber ich habe tatsächlich schon Zirkusse gesehen, bei denen die Tiere es schlechter hatten als bei Knie. Aber ich habe dort auch gesehen, dass die Tiger 15 Minuten am Stück am Gitter auf und ab gelaufen sind. Auch wenn Herr Lacey sich bemüht, es den Tieren so gut gehen zu lassen, wie möglich, so leiden sie trotzdem unter der nicht artgemäßen Umgebung. Und die Elefanten hatten einen sehr kleinen Auslauf.
Lacey: Es gab bis jetzt erst eine einzige wissenschaftliche Studie über Zirkustiere. Sie ist von 1987 aus England. Es gab dabei keine Anzeichen von Grausamkeit oder Hinweise, dass die Tiere beim Transport leiden. Dass die Raubkatzen am Gitter entlanglaufen ist kein Zeichen von Stress. Tiere laufen vor der Vorstellung. Wie ihr Hund vor dem Spazierengehen, weil er weiß, gleich geht es los. Sie machen das auch, bevor es Futter gibt oder ihre Vorstellung gleich startet. Nur wenn sie es 24 Stunden am Tag machen, dann wäre das etwas anderes, dann weist das auf Stress oder Angst hin.
Thomas Pietsch: Ein fahrender Zugbetrieb kann Wildtiere nicht verhaltensgemäß unterbringen. Ein Zirkus fährt 60 Gastspielorte im Jahr an, die Auslaufflächen sind eingeschränkt. Wir haben durchaus Belege dafür, dass Wildtiere im Zirkus kein gutes Leben haben. Und eine Mehrheit der Experten ist sich heute einig, dass etwa Großbären im Zirkus nichts zu suchen haben. Das gleiche gilt für Giraffen, Flußpferde, Nashörner oder Menschenaffen. Es gibt in der Wissenschaft zum Glück längst einen Sinneswandel.
Lacey: Bei den Fachleuten, die die geltenden Leitlinien für Tiere im Zirkus aufgestellt haben, sind einige, die ihre Meinung in Ihre Richtung geändert haben. Andere bleiben bei ihrer Position, dass es okay ist, die Wildtiere im Zirkus zu halten. Und sie haben doch noch nie mit einem Löwen gearbeitet, sie wissen nicht, was in den Tieren vorgeht. Warum er nervös ist, warum zufrieden. Ich bin ein Tigerexperte, ich lebe mit Tigern und Löwen seit ich ein kleiner Junge war. Ich kenne meine Tiere und sie sind zufrieden. Und sie bekommen mehr, als die Leitlinien vorschreiben. Sie sind nicht nervös oder gestresst. Ich habe sie doch speziell ausgewählt. Aus einem Wurf würde ich doch nie die Tiger wählen, die dieses Leben nicht mögen. Das wäre zu gefährlich.
MOPO: Ein häufiger Vorwurf von Tierschützern ist, dass die Tiere bei der Dressur gequält werden...
Lacey: Ich wiege 80 Kilo, mein Löwe 380 Kilo. Wie kann ich ihn zu etwas zwingen? Ich beginne ganz früh mit dem Training der Löwenbabys. Ich verstehe sie, sie verstehen mich. Ich bringe ihnen eine Art Sprache bei mit „Taktstöcken“ und Futter zur Belohnung. Ich würde die Tiere nie schlagen oder zu etwas zwingen. Das Training braucht Jahre, zuerst wollen sie nur spielen. Man muss es langsam angehen. Erst nach acht Jahren sind sie soweit. So ist es auch mit den Haken, die bei Elefanten benutzt werden. Wer sich fachgemäß benutzt, der verletzt das Tier nicht. Aber wer nicht mit ihnen umgehen kann, der kann viel Schaden anrichten.
Thomas Pietsch: Für Tierschutz-Organisationen ist es schwer, etwas zu den Dressurbedingungen zu sagen. Weil das nahezu eine Blackbox ist. Wir haben ja keine Möglichkeit, hinter die Kulissen zu sehen. Aber es gibt ja immer mal wieder Enthüllungen über Tiere, die bei der Dressur geschlagen werden. Aber man weiß nicht, ob das Einzelfälle sind oder nicht.
MOPO: Meinen Sie denn, es kann eine Form von Dressur geben, die okay ist. Oder ist Dressur grundsätzlich schlecht?
Pietsch: Dressur und Auftritte machen die Tieren keine Freude. Das ist weit jenseits ihres natürlichen Verhaltensrepertoires. Es ist gegen alle Instinkte, Löwen durch brennende Reifen springen zu lassen. Oder einen Tiger auf einem Elefanten reiten zu lassen. Das entspricht doch nicht der Natur der Tiere. Das macht Herr Lacey ja zum Glück nicht.
MOPO: Haben die Tiere es dann im Zoo besser?
Pietsch: Potenziell ja. Aber viele Zoos erfüllen die Bedingungen für eine vernünftige Tierhaltung nicht. Aber es gibt von Zooverbänden Empfehlungen, die gehen weit über das hinaus, was ein Zirkus in der Tierhaltung erfüllt.
Lacey: Welches Recht hat der Tierschutz, den Tieren zu verbieten, etwas zu lernen und ihr Leben zu bereichern? Die Interaktion mit dem Trainer ist wichtig. Sie können ein Tier in eine tolles Gehege geben, so groß wie ganz Hamburg - wenn sie ihm nichts zu tun geben, langweilt es sich. Meinen Tieren macht das Spaß, was sie tun. Mir macht es Spaß. Ich liebe Löwen und Tiger, ich halte sie ja nicht, um sie einzusperren. Ich könnte auch 40 bis 50 Tiger pro Jahr aufziehen und sie in die Natur entlassen. Aber meine Löwen lieben ihr Leben. Sie vertrauen mir. Wenn Tiere in Gefangenschaft leben und nichts zu tun haben, sie keine Stimulation bekomen, das ist nicht gut. Und auch das Reisen mit den Tieren stört sie nicht. Sie erleben immer wieder neue Orte, neue Gerüche, neue Geräusche. Das bereichert ihr Leben. Meine Löwen werden bis Mitte 20, in der freien Natur werden sie 9 bis 10 Jahre alt. Und sie vermehren sich. Und wenn sie in Ruhestand gehen, dann kümmere ich mich auch um sie. Aber der Tierschutz will nicht über Verbesserungen sprechen. Man kann immer noch etwas verbessern. Aber der Tierschutz will keine Verbesserungen, er will die Wildtiere aus dem Zirkus nehmen.
Pietsch: Es gibt neue Untersuchungen, die ergeben haben, dass jeder zweite Zirkus nicht einmal die Leitlinien für die Haltung ihrer Tiere einhalten.
Lacey: Um diese schwarzen Schafe kümmern sich die Amtstierärzte. Das können Sie doch nicht denen zum Vorwurf machen, die ihre Tiere vorbildlich halten.
MOPO: Was ist denn mit den Zuschauern. Mehr als 30000 Besucher waren bereits bei Charles Knie in Hamburg. Wollen Sie die bevormunden und es ihnen verbieten?
Pietsch: Ich glaube, dass die Besucher auch kommen würden, wenn sie keine Wildtiere zeigen. Es gibt ja Beispiele von äußerst erfolgreichen Zirkussen, die keine Wildtiere besitzen. Die führen statt dessen Haustiere mit sich oder verzichten völlig auf Tiere. Mittlerweile führen von 400 Zirkussen in Deutschland nur noch 80 Wildtiere mit sich.
Lacey: Wer unseren Zierkus besucht, der möchte wilde Tiere sehen. Deshalb kommen sie zu uns. Es gibt natürlich Zirkusse ohne Wildtiere, aber das ist ein ganz anderes Publikum. Aber viele Zirkusse sind auch bankrott gegangen ohne Wildtiere. Die Menschen sollen doch selbst entscheiden können, in welchen Zirkus sie gehen.
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