Gestern musste es schnell gehen. Ein Konferenzraum musste her, Eile war geboten. In die Planungen des Hamburger SV war am Morgen eine Bombe hineingeplatzt, die massive Folgeschäden nach sich zog und sofortige Aufräumarbeiten erforderlich machte. Trainer Martin Jol verlässt den Klub! Nach nur einer Saison zieht der Holländer weiter, heuert für drei Jahre bei Ajax Amsterdam an. Bereits gestern hatte die MOPO von der Offerte des holländischen Renommier-Klubs berichtet, der etwa zwei Millionen Euro Ablöse für den Coach wird hinblättern müssen. Der vermeintliche Heilsbringer wird so zum Fahnenflüchtling und lässt den HSV eiskalt im Stich.
Gestern, 14 Uhr, Konferenzraum Atrium C, Hotel „Gastwerk“ in Bahrenfeld: HSV-Boss Bernd Hoffmann und Finanzchef Cay Dingwort sitzen mit Jols Berater Mino Raiola und dessen Bruder Cock zusammen. Die Verhandlungsführer des Trainers haben Unglaubliches vorzutragen: Jol will alle Macht für sich, seine Kompetenzen um die Aufgaben des Sportdirektors erweitern, bei allen Transfers das letzte Wort haben. Seinen bis 2010 laufenden Vertrag will er nur vorzeitig verlängern, wenn der Verein alle (!) Forderungen erfüllt – ein Erpressungsversuch. Hoffmann & Co. halten das Paket nicht für verhandelbar. Später stößt Ajax-Boss Rik van den Boog dazu, bereitet den Deal vor.
Jols Allmachtsfantasien – ein Affront gegen Dietmar Beiersdorfer, mit dem er zehn Monate lang scheinbar vertrauensvoll zusammenarbeitete. Für den Sportchef ist des Trainers Vorgehensweise gewiss auch eine menschliche Enttäuschung. Beiersdorfer: „Wir haben viele Gespräche geführt und waren uneins über die weitere sportliche Ausrichtung.“ 177 Tage hatten er und seine Vorstands-Kollegen Katja Kraus, Christian Reichert und der Vorsitzende Bernd Hoffmann nach Huub Stevens’ Abschied nach dem richtigen Trainer gesucht. Jol sollte es sein?– ein erfahrener, ein charakterstarker Mann. So schien es. „Ich gehe als Freund“, sagt Jol, „die Arbeit mit dem Vorstand und der Mannschaft hat mir viel Spaß gemacht und die Fans waren einfach phantastisch.“ Was man dann halt so sagt ...
„Wir haben uns nicht über die Modalitäten einer weiteren Zusammenarbeit einigen können“, fasst Bernd Hoffmann die Sachlage zusammen, „von daher fanden wir es besser, einen klaren Strich zu ziehen“. Der Bruch zwischen Jol und den Bossen deutete sich seit einigen Wochen an. Der Coach kokettierte mit Angeboten anderer Vereine, stänkerte unverhohlen gegen die Einkaufspolitik des HSV. Der größte Fehler auf dem Transfermarkt ist den Verantwortlichen offenbar bei der Trainersuche unterlaufen. Sie haben einen Kandidaten rausgepickt, dessen Charakterfestigkeit sich bei der ersten Prüfung als nicht existent entpuppte. Seinen Spielern attestierte Jol die „Mentalität von Tigern“. Er selbst schleicht sich allerdings wie eine verschlagene Hyäne davon.