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EINE STRAßE ALS GRENZLINIE

Der gespaltene Stadtteil

Die Täter grölten: „Ihr Scheiß-Schwuchteln“. Dann traten und schlugen sie den Jura-Studenten Joshua S. (MOPO berichtete). Die Tat geschah am Hansaplatz – und ist ein Schock für die große schwule Szene in St. Georg. Die MOPO begab sich auf Spurensuche in einem gespaltenen Stadtteil.



Anwohner Dirk S. überrascht die Tat nicht. Er bleibt bestimmten Gegenden lieber fern: „Nach 22 Uhr gehe ich nicht mehr über den Hansaplatz. Das ist ein gefährliches Pflaster. Die Gewalt gegen Schwule hat deutlich zugenommen.“



Die Täter vom Hansaplatz sind noch nicht gefasst. „Südländer“ seien es gewesen, heißt es nach Zeugenaussagen. Vorurteile, Intoleranz, kulturelle Konflikte als Motiv? In einem Stadtteil, in dem eine große Schwulen-Szene auf eine große muslimische Gemeinde trifft, mag manch einer schnell daran denken.



Lebensmittelhändler Erol Kasapoglu (42) sagt: „Bei uns an der Langen Reihe gibt es keine Probleme. Jeder lässt den anderen leben, wie er oder sie möchte.“ Aber woanders, auf der anderen Seite, da gebe es Ärger: „Rund um den Steindamm gibt es viele Schwulenhasser. Aber das sind dumme Menschen, die nicht wissen, wovon sie reden. Sie leben in einer anderen Welt.“



„Die vom Steindamm“ wollten gestern über das Thema Homosexualität nur ungern reden – schon gar nicht in der Öffentlichkeit.



Aber es geht hier nicht um Religion. Es geht um frustrierte Schläger, die nichts verstanden haben. Ahmet Pehlivan (43), Chef des Teehauses „Karatren“ (Ecke Lange Reihe/Kirchenallee): „Was da mit diesem Joshua passiert ist, ist eine Sauerei! Das hat nichts mit dem Koran zu tun, der lehrt Toleranz. Das waren frustrierte Jugendliche.“



Björn Maas (22), Kellner im Café „Kyti Voo“ (Lange Reihe) sieht die Rostocker Straße als eine Art Trennlinie. Die eine Seite (Lange Reihe) „gehöre“ den Schwulen, die andere (Steindamm) den erzkonservativen Muslimen. „Natürlich gibt es auf jeder Seite auch Minderheiten der anderen Gruppe“, sagt Hennig Tensfeldt (22) aus dem schwulen Sexshop „Bruno’s“ (Danziger Straße). „Aber es existiert eine Art unausgesprochenes Abkommen: Die kommen nicht zu uns, und wir kommen nicht zu denen. Ich meide den Steindamm.“



„Hans-Jürgen Köster (51) von der Buchhandlung „Männerschwarm“ (Lange Reihe) sagt: „St. Georg ist kein friedlicher Villenstadtteil. Schwulenhass ist kein rein muslimisches Problem. Ich komme vom Dorf, ich weiß, wovon ich spreche.“



Das Problem: Die wenigsten Angriffe auf Homosexuelle werden zur Anzeige gebracht. „Vielen Opfern ist es unangenehm, zur Polizei zu gehen,“ sagt Eckhard Carrie. Der 47-Jährige ist Kriminalbeamter und arbeitet nebenamtlich als Ansprechpartner für Schule und Lesben. Carrie: „Ich wünsche mir, dass die Opfer sich zumindest anonym melden würden.“

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Datum:  30.9.2009
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