Als er zum ersten Mal mit einer Frau schläft, ist Benjamin Ende sechzig. Und die Hure wundert sich über die ungestüme Energie ihres Kunden. Sie ahnt schließlich nicht, dass der alte Mann in ihrem Bett noch keine zwanzig ist. Denn Benjamin Button ist eine Laune der Natur. Seit er als Greis auf die Welt kam, wird er mit jedem Tag jünger.
"Das Leben würde unendlich viel glücklicher verlaufen, wenn wir mit 80 geboren und uns langsam auf 18 zubewegen würden". Das hatte Mark Twain einst so salopp dahingesagt. Der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald spann diesen Gedanken in den 20er Jahren in seiner Kurzgeschichte "Der seltsame Fall des Benjamin Button" weiter, in der ein Mann als Uralter geboren wird und schließlich als Baby stirbt. In Hollywood war man schon früh auf diesen fantastischen Stoff aufmerksam geworden; allein, es scheiterte an der Umsetzung.
Regisseur David Fincher und den Drehbuchautoren Eric Roth ("Forrest Gump") und Robin Swicord ist es nun gelungen, "Benjamin Button" auf die Leinwand zu bringen. Der bislang für seine zynisch-bösen Werke wie "Sieben" und "Fight Club" berühmte Fincher schlägt hier ungewohnte Töne an: Sein mit großer Hingabe inszenierter Film ist fantastisches Märchen und großes Liebesdrama, Komödie und Tragödie. Es ist eine Geschichte über das Wunder des Lebens - und den Tod.
Es beginnt in einem Krankenhaus in New Orleans. Eine alte Frau, Daisy, liegt im Sterben. Und während draußen Hurrikan "Katrina" herantobt, liest drinnen ihre Tochter Caroline am Krankenbett aus dem Tagebuch der Mutter - und erfährt so von der unglaublichen Geschichte Benjamin Buttons: Der wird geboren, als der Erste Weltkrieg gerade vorüber ist. Auf den Straßen jubeln die Menschen, doch Thomas Button ist verzweifelt. Soeben ist seine Frau im Kindbett gestorben; sein Sohn ist eine groteske Missgeburt, ein Säugling mit dem Körper und dem Gesicht eines Greises. Thomas setzt sein Kind auf den Stufen eines Altersheims aus, und dort nimmt sich die Pflegerin Queeny des hässlichen Wesens an.
So wächst Benjamin heran und lernt die kleine Daisy kennen, die Enkelin einer Heimbewohnerin. Sie wird Jahrzehnte später die Liebe seines Lebens - doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer, denn während Daisy altert, wird Benjamin immer jünger und schöner. Beiden ist klar: Eine gemeinsame Zukunft kann es nicht geben. So fragt Daisy ihn eines Tages: "Wirst du mich noch lieben, wenn ich alt und faltig bin?" Worauf er antwortet: "Wirst du mich noch lieben, wenn ich mir wieder in die Hosen mache und Angst vor der Dunkelheit habe?"
Fünf Stunden saß Brad Pitt jeden Tag in der Maske, obwohl für seine Verjüngung modernste Computertechnik genutzt wurde. Das Ergebnis ist phänomenal - doch auch Pitts Spiel ist beeindruckend. Allein wie er es hinbekommt, ein kleines Kind im Körper eines hutzeligen Männchens zu spielen, ist eine der besten Leistungen seiner Karriere. An seiner Seite brilliert die wunderbare Cate Blanchett, die hier von ihrer Ballettausbildung profitiert, als Tänzerin Daisy. In den Nebenrollen glänzen besonders Tilda Swinton als kurzzeitige Geliebte Benjamins, Julia Ormond als Daisys Tochter und Taraji P. Henson als warmherzige Ziehmutter Queenie und Jared Harris als raubeiniger Kapitän Mike.
Während Fitzgerald in seiner Kurzgeschichte meist mit sarkastischer Bosheit über dieses rückwärts gelebte Leben schreibt, dominieren bei Fincher die großen Gefühle und feiner Humor. Zumindest in der ersten Hälfte der gut zweieinhalb Stunden gibt es durchaus auch etwas zu lachen; der Running Gag des Alten, der in seinem Leben sieben Mal vom Blitz getroffen wurde (was jedesmal in putzigen Stummfilmszenen gezeigt wird), wird sicher Filmgeschichte schreiben. "Benjamin Button" spielte in den USA bereits mehr als 100 Millionen Dollar ein und gilt mit 13 Nominierungen als Top-Favorit im Oscar-Rennen. Einen Großteil davon hat er verdient.
Fazit: Originell und zutiefst berührend. Da dürften selbst bei coolen Typen am Ende die Tränen kullern.