Ein Schuss steht am Anfang. Ein Schuss, achtlos abgefeuert in den marokkanischen Bergen von einem jungen Ziegenhirten, der die Reichweite seines Gewehrs testen will. Ein Schuss, der bis nach Kalifornien und Japan hallt. Bloß ein Dummejungenstreich - aber einer mit verheerenden Folgen: Die Kugel verletzt die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) lebensgefährlich. Medien bauschen die Tat zu einem terroristischen Akt auf, und der Hirtenjunge wird fortan von der Polizei als politischer Attentäter gejagt. Susans Ehemann Richard (Brad Pitt) kämpft verzweifelt um das Leben seiner Frau, kann in der marokkanischen Pampa jedoch nur einen Viehdoktor auftreiben. Wegen des Unglücks muss die mexikanische Haushälterin von Susan und Richard in San Diego länger als geplant auf deren Kinder aufpassen. Sie schmuggelt sie mit Hilfe ihres hitzköpfigen Neffen (Gael García Bernal) über die Grenze nach Mexiko zur Hochzeit ihres Sohnes - und löst damit eine weitere Katastrophe aus. Währenddessen rebelliert in Tokio ein taubstummes Mädchen gegen seinen Vater und dessen dunkle Vergangenheit: Dem passionierten Großwildjäger gehörte einst die Flinte, aus der der verhängnisvolle Schuss am Anfang stammt ...
"Babel" ist nach "Amores Perros" und "21 Gramm" der dritte Spielfilm von Alejandro Gonzàlez Iñàrritu - und es ist zugleich der komplexeste und der zugänglichste Film seiner Trilogie geworden. Wieder behandelt er die ganz großen Themen: Zufall und Schicksal, Schuld und Sühne, Gewalt und Tod. Und wieder hat der mexikanische Regie-Wunderknabe gemeinsam mit seinem langjährigen Drehbuchautor Guillermo Arriaga mehrere Handlungsstränge meisterhaft ineinander verwoben. Sie sind nach der Theorie des "Butterfly Effect" miteinander verknüpft - jener Theorie, die besagt, dass sogar der kleinste Flügelschlag eines Schmetterlings irgendwo auf der Welt einen Orkan auslösen kann. Auf packende Weise führt uns der Film die möglichen tragischen Konsequenzen unseres alltäglichen Handelns vor Augen.
Wie der biblische Titel bereits andeutet, geht es diesmal vor allem um Kommunikationsprobleme: um Missverständnisse und Sprachlosigkeit, um Vorurteile und Intoleranz. Iñàrritu zeichnet eine Welt, in der moderne Kommunikationsmöglichkeiten zwar die Distanzen schrumpfen lassen, in der die Menschen sich jedoch tatsächlich immer weiter voneinander entfernt haben - sie sprechen entweder gar nicht mehr miteinander, oder sie reden aneinander vorbei. Das tun sie hier gleich in fünf Sprachen: auf Englisch, Spanisch, Arabisch, Japanisch und in der Gebärdensprache.
Zudem zeigt Iñàrritu in filmisch beeindruckenden Sequenzen, wie wir alle unsere Umgebung auf völlig verschiedene Weise wahrnehmen: wie etwa ein Taubstummer den Song "September" von Earth, Wind & Fire komplett anders erlebt als andere Disco-Besucher oder wie ein US-Tourist in hilfsbereiten Arabern ausschließlich potenzielle Terroristen sieht. Das alles erzählt Iñàrritu mit seinem bewährten Team (darunter Kameramann Rodrigo Prieto sowie Komponist Gustavo Santaolalla) und einem imposanten, homogenen Ensemble aus Laiendarstellern und Schauspiel-Stars. Und am Schluss des herzzerreißenden, in Cannes preisgekrönten Meisterwerks gibt es sogar noch eine Überraschung für Iñàrritu-Kenner: einen Hoffnungsschimmer.
Fazit: Virtuos erzählt, kraftvoll bebildert, großartig gespielt: Dieses vielschichtige Drama fährt tief unter die Haut - und gilt zu Recht als heißer Oscar-Favorit.