Sympathisch, schüchtern, unscheinbar. So beschreiben Bekannte Tim Kretschmer. Doch beim verheerenden Blutbad von Winnenden zeigte der 17-Jährige sein zweites Gesicht: das eines kaltblütigen Mörders. Was trieb Tim dazu, 15 Menschen zu töten? Stück für Stück blicken Ermittler tiefer in die zerrüttete Seele des Amokschützen.
Nur scheinbar kam das Massaker unangemeldet. In den letzten Wochen saß Tim oft stundenlang am Computer. Er schaute Horror, Gewaltfilme und Pornobilder, tötete im Computer-Killerspiel „Counterstrike“ per Mausklick. Reifte da in Tim der Plan für das Morden? In der Nacht zum Mittwoch soll Tim dann in einem Internet-Chat seine grausige Bluttat angekündigt haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft gestern Nachmittag mit. „Scheiße, es reicht mir. Ich habe das Lotterleben satt. Es ist immer dasselbe: Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial“, schreibt Tim gegen 2.45 Uhr. „Ich meine es ernst, Bernd“, schärft er dann seinem 17-jährigen Chatpartner aus Bayern ein. „Ich habe Waffen hier, werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.“ „Bernd“ nahm Tims Drohungen nicht ernst, meldete den Eintrag aber seinem Vater.
Gestern Abend äußerte die Polizei aber Zweifel an der Internet-Ankündigung des Amokläufers. Polizeisprecher Klaus Hinderer: „Auf dem Computer von Tim Kretschmer hat sich definitiv kein entsprechendes Chatprotokoll gefunden.“ Jetzt sollen der Chat-Partner und dessen Vater noch mal vernommen werden.
Geklärt ist aber der Tathergang: Mit über 200 Patronen Munition war Tim in seine frühere Realschule gestürmt, feuerte 60 Mal auf Schüler und Lehrer. Den Umgang mit Pistolen wie der Beretta seines Vaters hatte Tim in dessen Schützenverein gelernt. Kaltblütig zielte Tim auf drei Lehrerinnen und vornehmlich auf Mädchen. Er tötete einen Jungen und acht Schülerinnen mit so präzisen, schnellen Kopfschüssen, dass einige der Toten noch die Stifte in Händen hielten. Tötete Tim sie aus Hass auf Frauen? Ein Mädchen aus der Nachbarschaft war Tims große Liebe – doch die wurde nicht erhört.
Nur ein nächster Mosaikstein, der Einzelgänger Tim noch weiter in die Isolation treibt. Seit 2008 war Tim wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. „Er wurde zeitweise auch stationär behandelt“, so Innenminister Heribert Rech. Tim sollte die Therapie in der Klinik neben seiner Ex-Schule in Winnenden fortsetzen. Doch er brach die Behandlung ab. Nach den Todesschüssen in der Schule hatte Tim dann im Park genau jener Klinik den Gärtner ermordet. Auf seiner Flucht in Wendlingen feuerte Tim dann weitere 44 Mal um sich. Er schoss auf alles, was ihm vor die Augen kam. In einem Autohaus tötete er Verkäufer Dennis P. (36) und einen Kunden (46). Bis die Polizei Tim in die Enge trieb – er die Beretta gegen sich selbst richtete.