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DER »EHRENMORD« VON HAMBURG

Vor dem Mord verprügelte sie der Vater

Das Martyrium der 16-jährigen Morsal - es dauerte bereits jahrelang. Immer wieder wurde das Mädchen geschlagen, getreten und eingesperrt. Offenbar waren daran nicht nur der Bruder und Vater beteiligt, sondern die gesamte Familie. Erst einen Tag bevor sie am Bahnhof Berliner Tor (St. Georg) von ihrem Bruder Ahmad (23) mit mehr als 20 Messerstichen ermordet wurde, war Morsal ins AK Wandsbek gekommen. Der Vater hatte sie heftig verprügelt. Und es gibt einen schlimmen Verdacht: Das Mädchen sollte zwangsverheiratet werden.



Der Vater (45) schlug seine Tochter zu Boden, trat immer wieder auf sie ein. Als Morsal flüchten wollte, fing sie ihr erst 13 Jahre alter Bruder an der Haustür am Billwerder Neuen Deich (Rothenburgsort) ab und würgte das Mädchen. Die Polizei leitete ein Verfahren wegen Körperverletzung gegen den Vater ein und brachte die 16-Jährige zum Kinder- und Jugendnotdienst an der Feuerbergstraße. Das war vier Tage vor ihrem Tod. Andreas F. (45), ein Bekannter von Morsal: "Am Morgen des Mordes war sie noch bei mir. Morsal kam aus dem Krankenhaus. Sie hatte einen ausgeschlagenen Zahn und Prellungen im Gesicht." Die Jugendliche wollte ihre Tasche bei dem Nachbarn unterstellen. "Sie war frisch verliebt und sagte, dass sie erst einmal bei ihrem neuen Freund bleiben wolle", so der Mann.



Geplant war jedoch, dass Morsal in ein paar Tagen in eine Jugendeinrichtung außerhalb Hamburgs gebracht wird. Damit sie unabhängig von ihrer Familie ein ganz neues Leben beginnen konnte. Denn seit Monaten kümmerte sich das Jugendamt um Morsal, die zuvor in Afghanistan war. Die Familie hatte sie im Februar 2007 von der Schule abgemeldet und in die Heimat geschickt. Es gibt Hinweise darauf, dass die 16-Jährige dort zwangsverheiratet werden sollte. Doch nach wenigen Monaten kam Morsal zurück.



Wie sehr das Mädchen nach ihrer Rückkehr leiden musste und was in der Familie alles passierte - das bleibt unklar. Der Vater wollte sich gestern nicht äußern. "Es geht uns sehr schlecht. Meine Frau ist krank vor Schmerzen", sagte der Mann. Und sein 13-jähriger Sohn fügte hinzu: "Was über meine Familie erzählt wird, ist alles gelogen."



Mara (Name geändert), eine 15-jährige Cousine von Morsal, beschreibt die Familie als liebevoll. "Die hätten Morsal niemals etwas getan. Auch Ahmad wollte sie nicht töten. Es war ein Versehen. Er hat das Ganze bestimmt nicht geplant." Die Fakten sagen etwas anderes: Ohne Vorwarnung hatte Ahmad auf seine Schwester mit dem Messer eingestochen - immer wieder. Am Tatort hängen gelbe und rote Rosen an einem Gitterzaun. Auf einem Zettel steht: "Wir wünschten alle, wir hätten dir helfen können."



An der Haupt- und Realschule Ernst-Henning-Straße (Bergedorf), die Morsal bis Februar 2007 besuchte, herrschte am ersten Schultag nach den Ferien Fassungslosigkeit. Der stellvertretende Schulleiter Helmut Becker (57): "Morsal war so ein liebes Mädchen. Sie hat immer ihre Meinung vertreten und Ungerechtigkeiten angeprangert", sagt er und fügt hinzu: "Viele der Schüler haben erst heute von der Tat erfahren. Sie sind schockiert." Vor dem Büro der Schulleiterin wurde ein Foto der Toten aufgestellt. Fröhlich lächelt sie darauf in die Kamera. Daneben stehen Blumen. Um den Tisch herum sitzen Schüler, halten sich weinend in den Armen. Einige schreiben Briefe. Es sind die letzten Worte an Morsal.

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Datum:  20.5.2008
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