Als ich vom Mord an Morsal aus Hamburg hörte, da kam in mir Panik auf. Ich habe sofort kontrolliert, ob die Tür verschlossen ist, bin zum Fenster gerannt, um nachzusehen, ob vielleicht mein Vater oder mein Bruder draußen vor dem Haus stehen."
Die Frau, die das sagt, heißt Rosa, ist 23 Jahre alt, Kurdin. Vor acht Monaten lief sie von zu Hause weg. "Wenn mein Vater wüsste, wo ich bin", sagt sie, "dann würde er mich sofort töten." Trotzdem sehnt sie sich nach den Eltern, liebt sie. Und sie hofft, dass sie eines Tages ein Einsehen haben.
Rosas Geschichte - sie steht für das Schicksal tausender junger Mädchen in Migranten-Familien. Als sie 16 ist, macht sie ihren Hauptschulabschluss, wird fortan zu Hause eingesperrt. Eine höhere Schule besuchen, eine Berufsausbildung beginnen? Das alles verbietet der Vater. "Bei uns ist es so: Frauen sollen nicht so viel wissen, sonst könnten sie ihr eigenes Geld verdienen und wären dann nicht mehr abhängig vom Mann." In Discos gehen, Jungs kennen lernen, sich verlieben? Das gibt es für Rosa nicht. "Sogar zum Einkaufen durfte ich nur in Begleitung meiner Geschwister oder Mutter. Was meine Gefühle, meine Wünsche sind, dafür hat sich mein Vater nie interessiert. Als Tochter habe ich zu tun, was er sagt."
Aber als der Vater darüber entscheidet, wen sie heiraten soll, ist das Mädchen nicht länger bereit, sich unterzuordnen. "Ich kann doch nicht meinen eigenen Cousin zum Mann nehmen!", sagt sie. "Ich seh doch, wie es meiner Schwester geht. Die wurde auch an einen Cousin verheiratet. Und sie ist totunglücklich!"
"Hatun & Can e.V." in Berlin, so heißt ein bundesweit einzigartiger Verein, der Menschen wie Rosa bei der Flucht hilft und unterstützt, an einem geheimen Ort ein neues Leben zu beginnen - unerreichbar für die mordlüsternde Verwandtschaft. Gründer Andreas Becker hat die Organisation nach Hatun Sürücü und deren Sohn benannt. Die Frau (17) war 2005 auf offener Straße von ihrem jüngsten Bruder erschossen worden. "Seither haben wir150 Frauen davor bewahrt, dass sie ein ähnliches Schicksal ereilt." Eine davon: Rosa. "Unter einem Vorwand verließ ich das Haus, schrieb am Computer einer Freundin eine Mail an den Verein. Schon am nächsten Tag waren die Leute am Treffpunkt und brachten mich weg." Seither hat Rosa ihre Eltern nicht mehr gesehen. Nur zu ihrer Schwester hat sie Kontakt. "Sie hat mir bei der Flucht geholfen. Aber wenn das einer wüsste, wäre auch sie zum Tode verurteilt."
Es klingt paradox: Aber irgendwie tut es Rosa sogar leid um den Vater. "Ich weiß genau, was er jetzt durchmacht, was meine ganze Familie durchmacht. Weil ich weggelaufen bin, werden sie von der übrigen Verwandtschaft gemieden. Nicht nur ich habe die Familienehre verletzt, sondern auch meine Eltern - denn dass ich weggelaufen bin, zeigt ja, dass sie mich nicht gut erzogen haben." Und dann an die Adresse des MOPO-Reporters: "Sie als Mitteleuropäer wissen ja nicht, wie wichtig diese Familienehre bei uns ist. Sie ist wichtiger als ein Menschenleben."
Mädchen wie Rosa melden sich bei "Hatun & Can" nahezu täglich. "In letzter Zeit häufen sich die Anfragen gerade aus dem Hamburger Raum", so Becker. "Leider hat sich Morsal nicht an uns gewandt", sagt er mit tiefem Bedauern. "Ein einziges Wort von ihr, und wir wären sofort für sie da gewesen."