Dresden - Dresdens Baupolitik droht das internationale Ansehen Deutschlands als Kulturnation bislang einzigartig zu beschädigen.
Mit dem immer wahrscheinlicher werdenden Bau einer höchst umstrittenen Brücke im Elbtal gegen alle Bedenken und Warnungen der UNESCO riskiert Elbflorenz die Streichung der rund 20 Kilometer langen Flusslandschaft von der Welterbe-Liste - drei Jahre nach Verleihung des begehrten Titels durch die Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Es wäre das erste Mal, dass eine Welterbe-Stätte in Deutschland ihren Titel wieder verlöre.
Dabei gab es schon ähnliche kritische Fälle. Köln und Eisenach hatten aber im letzten Moment mit umstrittenen Hochhaus- und Windanlagen-Projekten allerdings eingelenkt: Der Dom und die Wartburg gehören nach wie vor zu den Welterbe-Stätten. Das mit Millionenaufwand zurückerlangte Image Dresdens als «Perle des Barock» hat mit der Debatte um das Brücken-Projekt in den vergangenen Monaten wieder Risse bekommen. Die UNESCO befürchtet, dass mit der Brücke das Panorama des Dresdner Elbtals beeinträchtigt wird.
«Die Brücke kommt», glaubt der Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Hans-Joachim Otto (FDP). Nach Scheitern aller Einigungsversuche hatte das Sächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) am Dienstag mitgeteilt, dass die Stadt die Bauaufträge vergeben muss. Ungeachtet des noch anhängigen Widerspruchsverfahrens der Stadt sowie Klagen von Anwohnern gegen das Planfeststellungsverfahren beim Verwaltungsgericht ist die Kommune zum Bau der Brücke verpflichtet.
Die ersten Planungen für eine Querung an dieser breitesten Stelle des Flusses sind bereits 1876 nachweisbar. Weitere Versuche in den 1930er Jahren und der DDR blieben aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ohne Ergebnis. 1996 beschloss der Stadtrat den Bau einer Elbbrücke am so genannten Waldschlösschen und löste Planungen aus. 2004 wurde das Dresdner Elbtal - mit einer geplanten Brücke in einer «sich entwickelnden Kulturlandschaft» - in die Liste der UNESCO-Welterbe-Stätten aufgenommen. Alles schien - abgesehen von lokalen Kritikern - in bester Ordnung.
Stimmen wegen der uninspirierten Konstruktion wurden immer lauter. Angesichts schwindender Einwohnerzahlen und Vollendung anderer Verkehrsprojekte zur Entspannung des Stadtverkehrs stand auch die Notwendigkeit der Brücke zunehmend in Frage. In einem Brief ans Auswärtige Amt äußerte der Direktor des UNESCO-Welterbe-Zentrums Paris, Francesco Bandarin, Mitte 2005 Sorge, die Brücke könne den freien Blick auf die Elbhänge und die Stadt beeinträchtigen. Der für den 22. März 2006 geplante Baubeginn wurde verschoben, die Brücke zum Reizthema - bald nicht mehr nur in er Elbestadt.
Kurz darauf verlangte die UNESCO den Stopp des 160 Millionen Euro-Projekts sowie mit dem Welterbe-Status vereinbare Lösungen. Im Juli 2006 erhöhte das Welterbe-Komitee den Druck und setzte Dresden auf die Rote Liste gefährdeter Welterbe-Stätten. Für die Hardliner der Brückenfans kein Grund zum Einlenken, im Gegenteil. Die Fronten verhärteten sich. Schließlich das Gerichtsurteil im Sinne der Brückenbefürworter - ein Pyrrhussieg: Mit der im Juni wahrscheinlichen Aberkennung des Titels wegen der Brücke wäre ganz Deutschland beschädigt.
Der Kulturausschuss-Chef im Bundestag zweifelt nicht daran, dass die Bagger demnächst rollen werden. Dennoch sieht er noch Chancen, um doch noch eine Streichung des Dresdner Elbtals von der Liste der Welterbe-Stätten zu verhindern. Denn die UNESCO sei nicht grundsätzlich gegen eine Brücke, sondern nur gegen die geplante Variante. Immerhin enthielten die Dresdner Bewerbungsunterlagen für den Titel auch eine neue Elbbrücke - nur fünf Kilometer flussabwärts eingezeichnet.
«Die UNESCO ist schon ziemlich streng mit Dresden», meint Otto. In Libyen oder Algerien, wo Welterbe-Stätten mit baulichen «Brutalomaßnahmen» verändert würden, gebe es keine Abmahnungen. «Da müsste man für Dresden doch noch einen Kompromiss hinbekommen.» Otto sieht Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) am Zug. Wenn Dresden und Sachsen allerdings auf Stur schalteten, müsse die Bundesregierung tätig werden. «Die erstmalige Streichung einer Welterbe-Stätte von der Liste zu verhindern, muss nationales Ziel sein.» Nicht zuletzt ist auch ein Versäumnis des Bundes ein Grund für das Dresdner Dilemma: Bislang wurde die Welterbe-Konvention von 1976 nicht in nationales Recht umgesetzt. Es bestehe dringender Handlungsbedarf.
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