Endzeitstimmung in der Hamburger Innenstadt: Menschen in weißen Schutzanzügen marschieren durch die Straßen. Sie tragen Mundschutz und manche sogar Gasmasken. Einige rollen leuchtend gelbe Atommüllfässer vor sich her, andere halten Geigerzähler in den Händen. Und hinter ihnen fährt langsam und bedrohlich ein sirenen-heulender Lastwagen mit vermeintlich radioaktiver Fracht: Mit einem fingierten Castor-Transport hat das Kampagnenetzwerk "Campact" gestern die City in eine Theaterbühne verwandelt. Eine Bühne mit lautstarker, politischer Dramaturgie.
"Endlager für Atommüll gesucht", stand auf dem Transparent, das an der Spitze des illustren Zuges vom Hauptbahnhof über die Mönckebergstraße zum Rathausmarkt getragen wurde. Damit wollten die Veranstalter auf die nach wie vor ungelöste Problematik radioaktiver Abfälle aufmerksam machen und vor einem Ausstieg aus dem Atomausstieg durch eine eventuelle schwarz-gelbe Bundesregierung warnen, wie "Campact"-Geschäftsführer Christoph Bautz erklärte.
"Jedes Jahr fallen in den deutschen Atomkraftwerken 450 Tonnen hochradioaktiver Müll an", so Bautz. "Dieser Müll strahlt mehr als eine Million Jahre. Das Lager Asse ist schon nach vier Jahrzehnten marode. Ein neues Gutachten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt belegt nun, dass es auch in Gorleben spätestens in 1100 Jahren zu einem Kontakt mit dem Grundwasser kommt." Deshalb gebe es nur eine Konsequenz: "Wir müssen endlich raus aus einer Technologie, die Tausenden Generationen eine tödliche Hypothek aufbürdet."
Rund 300 Menschen waren gekommen, um an der Demonstration teilzunehmen. Menschen, wie die frühere Eimsbüttler Pastorin Elisabeth Schmidt-Brockmann (64), die sich eine krumme Hexennase auf ihr Riechorgan gespannt hat. "Ich bin Atomkraftgegnerin seit 1971. Für mich ist das ein Lebensthema." Sie und ihre Mitstreiter erregten so viel Aufsehen, dass sowohl Touristen als auch viele Hamburger ihre Kameras hochrissen, um Fotos zu machen. Zum Beispiel, als die Castor-Attrappe in der Mönckebergstraße durch eine Sitzblockade an der Weiterfahrt gehindert wurde. Oder als vor der Vattenfall-Zentrale lautstark auf den unechten Atommüllfässern getrommelt wurde.
Hamburg war nach Berlin die zweite Station der symbolischen Endlagersuche. Morgen zieht der gespenstische Zug durch Bremen und von da aus noch durch neun weitere Städte.