Der Tod des Babys Lara in Wilhelmsburg hat erneut viele Fragen über die Arbeit der Jugendämter und Sozialarbeiter aufgeworfen. Wie kann es sein, dass eine Betreuerin nicht merkt, in welch erbärmlichem Zustand sich ein Kind befindet. Die MOPO sprach mit dem Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), Jens P. (Name geändert), der für minderjährige Mütter wie Jessica R. zuständig ist und Betreuungen für sie plant.
MOPO: Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Fall hörten? Ist man da erleichtert, dass der Kelch an einem vorübergegangen ist?
Jens P.: Ja. Als ASD-Mitarbeiter steht man ja immer mit einem Bein im Gefängnis. Und so etwas kann jedem passieren - etwa wenn man durch viele Fälle überlastet ist.
MOPO: Wo lag Ihrer Meinung nach der Fehler in der Betreuung der kleinen Lara?
Jens P.: Ich glaube, die Mitarbeiterin des Rauhen Hauses hat womöglich versäumt, sich von den Kinderarztbesuchen und den U-Untersuchungen zu überzeugen. Jedenfalls wenn tatsächlich die U4 und U5 nicht gemacht wurden.
MOPO: Wie kann das passieren?
Jens P.: Das Jugendamt hat der Betreuerin sicherlich vorgegeben, die regelmäßigen Untersuchungen zu kontrollieren. Ich mache das jedenfalls immer. Möglicherweise wurde die Verbindung zwischen ihr und der jungen Mutter zu eng. Da hat die Betreuerin einfach geglaubt, als die Mutter ihr vorlog, beim Arzt gewesen zu sein. Und sie hat es nicht kontrolliert, weil sie nicht die Böse sein wollte. Das ist unprofessionell. Ich hätte mir das Kind auf jeden Fall auch einmal nackt angesehen - natürlich im Beisein der Mutter.
MOPO: Hätte es auch andere Betreuungsmöglichkeiten gegeben?
Jens P.: Ja. Der jungen Mutter wurde auch eine Unterbringung in einer Mutter-Kind-Einrichtung angeboten. Aber das wollte sie nicht, sie wollte mit ihrem Partner zusammenziehen.
MOPO: Es gibt den Vorwurf, es habe nicht einmal einen Vertrag über die Betreuung und die Pflichten der Betreuerin gegeben. Wie kann das sein?
Jens P.: Das ist eine Fehlinformation. Es gab diesen sogenannten schriftlichen Hilfeplan.
MOPO: Hätte man das Kind vielleicht schon früher aus der Familie nehmen müssen?
Jens P.: Nein. Alle Informationen deuten darauf hin, dass die junge Mutter sich zunächst gut um das Kind gekümmert hat. Die Betreuung wurde ja nach drei Monaten auch von zehn auf fünf Stunden pro Woche reduziert. Das machen die Jugendämter nur, wenn die Mütter gut mitarbeiten. Und auch am toten Baby wurden ja keine Spuren von Misshandlung festgestellt. Aber es war unterernährt.
MOPO: Die Betreuerin soll auch nur für 20 Minuten am Tag dort gewesen sein ...
Jens P.: Das glaube ich nicht. Ich schätze die Familie nicht so ein, dass sie das richtig weiß. Es kann wohl sein, dass die Hilfe mal an einem Tag nur 20 Minuten da war, weil sie an einem anderen Tag länger anwesend war.
MOPO: Die Sozialbehörde hat 30 weitere ASD-Stellen bewilligt. Wieso sind davon erst zwölf besetzt?
Jens P.: Wegen der Tarife. Ein Sozialpädagoge studiert doch nicht vier Jahre, um dann als Einstiegsgehalt nur 2100 Euro brutto zu bekommen. Und wer zuvor jahrelang mit den gleichen Aufgaben bei einem anderen Arbeitgeber beschäftigt war, der wird bei uns im öffentlichen Dienst dann trotzdem als Berufsanfänger eingestuft. Wer macht das schon mit?
MOPO: Wie ist denn die Belastungslage der ASD-Mitarbeiter?
Jens P.: Ganz verschieden, je nach Bezirk. Es gibt Bezirke, da haben die Kollegen 120 Fälle pro Person zu bearbeiten. Woanders sind es 40. Das bedeutet auch, dass man in dem einen Jugendamt sofort einen Termin bekommt, bei einem anderen gibt es eine Wartezeit von einem halben Jahr.
MOPO: Woran liegt das?
Jens P.: Eine Personalbemessung fehlt. So wird bei der Verteilung der ASD-Stellen nicht geguckt, wie viele Kinder in einem Bezirk leben, wie viele Hartz-IV-Empfänger es dort gibt und wie viele Migranten und alleinerziehende Mütter. Das alles ist aber doch entscheidend dafür, wie viele Menschen im Jugendamt Hilfe vom ASD brauchen. Das ist entscheidender als die reine Einwohnerzahl des Bezirks.