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DAS MACHT UNS SAUER!

Veränderungen beunruhigen die Bewohner

Eine neue Schnellstraße, eine Autobahn, die quer über die Insel führen soll, Mieten, die steigen und Kleingärten, die verschwinden - Wilhelmsburg steht vor massiven Veränderungen. Im Jahr 2013 werden Internationale Gartenschau (igs) und Bauausstellung (IBA) Gäste aus aller Welt auf Europas größte Flussinsel locken - und neue Bewohner, wie der Senat hofft. In Teil drei der Wilhelmsburg-Serie in der MOPO am Sonntag kommen Bewohner zu Wort, die von den Umbrüchen betroffen sind.



Metin Hakverdi (FOTO, 40) hat einen Traum: "Ich stelle mir vor, dass 2013 ein Architektur-Professor aus Sao Paulo mit seinen Studenten durch Wilhelmsburg geht und ihnen zeigt, wie die Aufwertung eines Stadtteils gelungen ist, ohne die alteingessenen Bewohner zu vertreiben." Hakverdi ist gebürtiger Wilhelmsburger, Anwalt und SPD-Bürgerschaftsmitglied.



Die Verwirklichung des Traums ist schwierig: Derzeit sind die Mietensprünge in Wilhelmsburg höher als sonst irgendwo in der Stadt. Neue Wilhelmsburger, gut ausgebildet, die für eine gute Mischung sorgen, sind hochwillkommen, sagt Hakverdi. "Aber alle Verantwortlichen müssen sich fragen, wie die, die sich das aufgewertete Wilhelmsburg nicht leisten können, auch hier bleiben können."



Wer mit Wilhelmsburgern spricht, kommt früher oder später auf das Thema Verkehr. Verbreitete Haltung: Hier wird das gebaut, was "die Hamburger" sich in anderen Stadtteilen nie trauen würden. Etwa die "Hafenquerspange", die Autobahn, die quer durch den bäuerlichen Inselsüden führen soll.



Oder die "neue Reichsstraße." Seit Generationen ist die Insel zerschnitten von der Reichsstraße - und nun soll sie bis 2013 verlegt werden. Grund: Derzeit verläuft die Trasse mitten durch das Gelände der zukünftigen Gartenschau. 55000 Autos täglich, das passt nicht zu den Blütenträumen.



Viele Wilhelmsburger sind erleichtert, dass die ungeliebte Reichsstraße verlegt wird, hoffen auf die "neue Mitte", die die Macher der Bauausstellung an Stelle der donnernden Bundesstraße planen. Andere fürchten genau das Gegenteil: Noch mehr Autos, noch mehr Lärm im Herzen der Insel. Denn: Die neue Reichsstraße soll doppelt so breit wie die alte werden - auf Entwürfen sieht sie aus wie eine ganz normale Autobahn.



Manuel Humburg (61) ist Hausarzt und inselbekannter Aktivist. Sein Verein "Zukunft Elbinsel" kämpft zum Beispiel gegen "Europas letzten eisernen Vorhang", den Zollzaun, der den Wilhelmsburgern von jeher den Zugang zum idyllischen Spreehafen versperrt. Humburg, von vielen als "Wilhelmsburgs heimlicher Bürgermeister" betrachtet, meint es ganz wörtlich wenn er sagt: "Wir wollen nicht, dass Wilhelmsburg unter die Räder kommt."



Mit seinen Mitstreitern tritt er gegen die neue Reichsstraße an. Unter ihnen: Jochen (40) und Melanie Klein (37). Der Immobilien-Verwalter und die Art Directorin sind aus Winterhude auf die Insel gezogen - obwohl alle Freunde ungläubig fragten "Wilhelmsburg? Spinnt ihr?" Melanie Klein: "Wir waren sicher, dass es mit Wilhelmsburg nur bergauf gehen kann, auch wegen der tollen Projekte der Bauausstellung." Jung, gut verdienend, mit Kinderplänen - von solchen Neu-Wilhelmsburgern träumt der Bürgermeister.



Nun soll die neue Reichsstraße vierspurig hinter ihrem Garten verlaufen, das Paar fühlt sich von der Politik getäuscht: "Für das angekündigte Freizeitbad ist kein Geld da, aber wir kriegen eine Autobahn hinters Haus."



Sauer ist auch Kleingärtner Jürgen Hielscher (61), Vereinsvorsitzender vom Kleingartenverein "Im Bauernfeld von 1953 e.V.": "Wir sollen alte Lauben-Anbauten aus den 60er Jahren abreißen!" Die Gärten des Vereins liegen im "igs"-Gelände. 200 Parzellen werden verschwinden, der Rest soll von "Schwarzbauten" befreit werden. Außerdem sollen die Kleingärtner während der "igs" ihre Besucher anmelden, damit etwa Grill-Gäste ohne Ticket aufs igs-Gelände kommen. Mit Gratis-Pflanzen wollten die Gartenschau-Macher die Kleingärtner zur Zusammenarbeit bewegen. Vergeblich.



4 FRAGEN AN Uli Hellweg



"Wir nehmen die Bedenken der Bürger ernst"



Uli Hellweg (60) ist Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung IBA GmbH.



? MOPO am Sonntag: Herr Hellweg, wie versuchen Sie, die IBA-Kritiker ins Boot zu holen?



! Uli Hellweg: Wir nehmen die Bedenken sehr ernst und versuchen in intensiven Bürgerbeteiligungsverfahren eine Lösung zu finden, zum Beispiel in Form unserer Bürgerdialoge.



? Was wird aus der neuen Schwimmhalle?



! Unsere eindeutige Haltung: Der Standort auf dem Gartenschau-Gelände ist der beste. Wir haben die Hoffnung, dass es ein neues Bad gibt, noch nicht aufgegeben.



? Was sagen Sie zum Spreehafen-Zaun?



! Ein Trauerspiel. Es gibt keinen vernünftigen Grund, hier den Zugang zum Wasser zu versperren. Das könnte man toll gestalten, mit einer Treppenanlage und Bootsanlegern.



? Ihr persönliches Lieblingsprojekt der IBA?



! Das werde ich erst dann verraten, wenn die Projekte realisiert sind.





Lesen Sie am nächsten Sonntag: Darum lieben wir unser Wilhelmsburg



+++ WILHELMSBURG-TICKER: + Quadratmeter-Preis bei Häusern: 1532 Euro + 11 Apotheken + 233 Autos auf 1000 Menschen + 42,4 Prozent ausländische Schüler + 8 Grundschulen

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Datum:  26.7.2009
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